Das erste Stelldichein

by Otto Roquette (1824–1896) · 1852 German

So viel Laub an der Linden ist,
So viel Blüten in Düften sie treibt,
So viel Holdes zu finden ist,
Als der Mai auf die Rosen schreibt,
Ach so viel hunderttausendmal
Jauchz' ich und schau ich hinab ins Thal,
Denn auf dem Platz bei der Linden
Will mich mein Schatz heut finden!

Ach warum bin ich nicht schön und reich,
Ach warum hab ich nicht Pracht und Gold?
Daß ich mein' Schatz, an Schönheit ihr gleich,
Schmücken mir könnte, so wie ich wollt!
Sag mir, du Linde, o sag mir an,
Was ihr an mir nur gefallen kann?
Weiß ja nichts Schönes zu finden
Nicht an mir, noch an der Linden!

Drunten im Thal, wo der Waldweg geht,
Wo durch die Felsen der Wildbach bricht,
Seh ich sie kommen vom Wind umweht,
O du mein Lieben, mein Leben, mein Licht!
Ach wie bin ich so reich, so reich,
Ach wie weiß ich nichts Schönres zugleich
Als auf dem Platz bei der Linden
An Herrlichkeit zu finden! (S. 73-74)
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