Dämmerstunde

by Hermann Lingg (1820–1905) · 1871 German

Der Abend findet mich allein,
Allein bei dir nur in Gedanken,
Ich möcht' zu dir, möcht' bei dir sein,
Dein Händchen halten, deinen schlanken
Geliebten Leib umspannen, jedes Wort
Und jeden Hauch von deinen Lippen saugen,
Und schau'n und schau'n in deine lieben Augen
In einem fort.

Denn etwas schmerzt mich tief, daß nie,
Im Schwarm der Menschen mir begegnet
Dein Blick in rascher Sympathie
Und still und insgeheim mich segnet.
"Hat dich auch nicht ein Wort von mir verletzt?"
Möcht' ich dich oft mit einem Blicke fragen,
Und oft möcht' ich zu deiner Seele sagen:
Wo bist du jetzt?
(Band 2 S. 118)
_____

More poems by Hermann Lingg

  • Angedenken

    Dein weißes Halstuch, Süße!
    Bewahr' ich auf der Brust,
    Es sagt von dir mir Grüße, …
  • Aus Nacht

    Dein Herz, so liebevoll und schön,
    O wär' es mir gewogen!
    Ich schaute dann in lichte Höh'n …
  • Bergrosen

    1.
    Euch im Bergwald wilde Rosen
    Weih' ich meinen Liebesbund, …
  • Dir

    Im Anschau'n deiner Schönheit nur versunken,
    Vergess' ich, daß die Welt mich höhnt und schmäht,
    Ich bin zu sehr von deiner Liebe trunken, …

All poems by Hermann Lingg →