Aus: Die Insel von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg Leipzig 1788 Kapitel: Aura. Eine Erzählung von Psyche
["Sie ist die Psyche der 'Insel'; von ihr ist die Erzählung,
welche der Psyche zugeschrieben wird," schreibt Stolberg
am 3. Oktober 1788 an Bürger]
Der Nacht Schatten wallte wie ein Schleier die Gebirge herab, und schon war die Sonne ins Meer gesunken, ihre scheidende Strahlen rötheten den westlichen Himmel, wie der Mai den schönen Busen der weißen Rose. Noch irrte Aura in den Thälern umher, und merkte den Thau des Grases nicht, der ihre Füßchen netzte, wenn sie über die blumigen Weiden bald eilend schwebte, bald mit langsamen Schritten die wallende Seele umhertrug.
Das Blöken ihrer Herde, die sich nach ihrer gewohnten Ruhe sehnte, mahnte sie nicht an die Heimkehr; ihr Herz war zu voll, um das was um sie her lebte zu achten. Sie kam ans Ufer des Sees, an dem ihr, ach vor kurzem noch! die Tage wie Augenblicke in süßer unschuldiger Freude hingeschwunden waren. Hier sank sie, von Wehmuth und Schmerz ermattet, an einem Stein. Ueber sie hin duftete liebliches Geißblatt seine ersten Blüthen aus, auf des Schilfes Gesäusel wehte der See ihr Erfrischung zu, und sanfter Lüfte Flügel kühlten ihre brennenden Augen, die keine Thräne mehr hatten. Leise, nach manchem Seufzer, begann ihre Klage, verlor sich erst im Lispel des Schilfes, dann stieg sie auf, wie aus der Nachtigall Kehle die seelenschmelzende Stimme: "Bin ich für immer elend, und wird nie mein Schmerz sich enden? Soll ich mein Leben verweinen im dunkeln Thale des Jammers, und werden mir nie der Freude Tage mehr lächeln wie Morgenroth? Rinaldo! Rinaldo! wie kann mein Bruder dich hassen, der du so liebend und liebenswerth bist! - Ach wie wallte mein Herz, wenn oft in traulichen Reden der Vater Sohn dich nannte, und die Mutter wie ihren Eingebornen dich liebte! nun hassen sie dich, weil Duro dich hasset. Nur ich liebe dich noch, und will so lang' ich athme dich lieben! Meine Seele ist mit der deinen verwebt, die Liebe hat sie mit Faden umwunden, die feiner wie Aether sind, und fester wie die Bande des Lebens! Aber du bist ferne von mir, Rinaldo! und unsre Schritte begegnen im Irren sich nicht; uns trennen vielleicht unendliche Höhen und Tiefen! Mein Jammer dringt nicht zu dir, und ich höre die Seufzer deiner Liebe nicht! O daß eine Felskluft uns deckte, die Zuflucht der weißen Kaninchen, oder wir auf den Gipfeln der Berge wohnten, wo in stolzer Ruh der Adler sein Nest bauet! die Pfeile meines Bruders sollten uns da nicht treffen, und die Flammen seiner Augen würden nicht mehr die Rosen meiner Wangen bleichen!"
So klagte die schöne Aura, und die Worte erstarben in ihren Seufzern, welche die Lüfte des Sees verwehten. Sie wußte nicht, daß in ihren quillenden Thränen der aufsteigende Mond sich sah, wie im Tropfen Thau an des Geißblatts zarter Blüthe, die auf den Locken ihrer Stirne bebte. Bald aber sahe sie den stillen Vertrauten ihrer Schmerzen, blickte ihn traurig an, und erhub sich, der Heimath gedenkend. Sie staunte, als sie ihre Lämmer schlafend fand, die sie umsonst an die späte Stunde gemahnet hatten. Eilend trieb sie sie nun vor sich her. Sie säumten nicht, und hüpften die wohlbekannten Steige zur Hütte entlang, und mit bangem Herzklopfen trat Aura in die Thüre, die für sie nur noch aufstand. Die Eltern sagten ihr nichts, ob sie gleich wegen ihres ungewöhnlichen Säumens gesorgt hatten, und Aura eilte zum Schwesterchen in die Kammer; diese saß auf ihrem kleinen Lager und weinte, hatte des Schlafes sich lange erwehrt, um noch die Schwester zu liebkosen. "Kommst du endlich?" sagte sie schluchzend, und schmiegte das gelbgelockte Haupt an ihre Brust, und küßte ihr mit Inbrunst die Hände. Aura drückte sie an ihr Herz, sie konnte nur so antworten. "Ach," sagte die kleine Medora, "ich konnte gar nicht schlafen, weil du mich nicht wie sonst ins Kämmerchen führtest, und unter schönen Geschichten entkleidend zu Bette legtest. O süße Schwester! es thut mir so weh, daß der Vater dir nicht so freundlich wie sonst ist, und wenn die Mutter heimlich weint, und ich frage warum? - sie seufzend dich nennet, deren Namen sie sonst nur mit Freuden erfüllte."
"Traure nicht um mich, du trautes Kind!" sagte Aura - "Schlafe nur sanft, und freudig sei dein Erwachen! O daß deine Tage in ewiger Wonne wechseln mögen, und deinem entknospenden Leben kein tödtender Wurm sich nahe, der an den ersten Blüthen nagend das Haupt dir beuge!"- Sie wiegte an ihrer Brust den kleinen Engel, bis der trauliche Schlaf sie in die Arme nahm.
Nun ging Aura noch hinaus zur Mutter, und bat sie um ihren Segen zur Ruhe; sie sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit bebenden Armen. "Mutter! ach Mutter!" stammelte sie - mehr ließ sie die Wehmuth nicht reden. Leise schob, die Hand vor dem Busen, die Mutter sie weg, und wandte ihr Antlitz, die steigende Thräne zu bergen. Wie sie aber auf ihrer Hand des Kindes heiße Lippen, die Thränen in den herabwallenden Locken, das Klopfen ihres lieben Herzens im schönen Busen fühlte! - Da entglitt ihr die Hand, sie beugte ihr nun feuchtes Gesicht über die glühenden Wangen der Tochter, die in Schmerzen versunken an ihrem Herzen lag. Der Mond der ins Fenster schien, erleuchtet sie in dieser rührenden Stellung, und die Mutter blickte auf ihr schönes Kind herab, das vor ihr lag, wie ein weißes Lämmchen, welches, eben von der Höhe eines jähen Felsen herab gestürzt, in seiner leblosen Betäubung da liegt. Ihre Seele ward bewegt, und sie drückte sie heftig an ihre Brust, bedeckte sie mit strömenden Thränen! "Süßes, geliebtes Kind! du marterst mein zerrißnes Herz mit deinen Qualen, die du dir aber doch selber bereitest. Erfreue mich und uns alle wieder, und folge unserer weisern Erfahrung."
"Hast du denn nie geliebt, Mutter? - und könntest du Blumen, die du mit eigner Hand und warmen Herzen gesäet hast, so in ihren Knospen ausreißen, ehe du sie blühen gesehen, und dich an ihrer Schönheit Glanz, an ihrem labenden Duft dich gefreut hättest, wovon dir die Seele so viele Bilder vorher schuf?"
"Schweige von Liebe, du bist noch ein Kind und kennest sie nicht! Wie kannst du dir Freuden von dieser Liebe versprechen, die dein Bruder mit Abscheu verfolgt, und wir mißbilligen müssen?" "Ach Mutter! du redest wider dein Herz; oder hast du die Tage wirklich vergessen, wo du mit Mutterliebe an ihm hingst, und oft dein segnender Blick auf uns sank? Mild wie die Sonne an den ersten Blüthen des Frühlings glänzt, und sie mit belebenden Strahlen der schönsten Reife entgegen bringt." "Geh zur Ruhe, mein Kind!" sagte seufzend die Mutter, und erhub sich. Schweigend verließ sie Aura, und wankte zur Kammer, wo ihr Schwesterchen sanft athmend schlummerte. Auf ihren Wangen hatte rosenblühende Schönheit, mit der Lilie Unschuld sich verwebt, und ruhig lag sie in ihren gelben Locken, gleich einem schlafenden Engel, der in den ersten Stunden seiner Erschaffung in seliger Ruhe da liegt. Aura sahe sie an, die Hände über den Busen gefaltet. "Ach daß die Ruhe mich so umwehte wie dich, du holdseliges Kind! und des Schlafes Flügel mich deckte!" Sie legte ihre Hand noch auf des Kindes Herz und es that ihr wohl sein Klopfen zu fühlen. "Du verkennest mich nicht und liebst mich, du Kleine, und wünschest mich glücklich zu sehn; das höre ich in jedem Lispel deines sanften Odems, der meine Seele erquicket, wie in der Mittagshitze ein kühlendes Lüftchen die lechzende Blume erfrischet!" Aura legte sich nieder; doch die Liebe ließ sie nicht ruhen, sondern füllte ihr Herz mit traurigen Bildern, die vor ihrer Seele überwallten, wie über des Thales Quelle die Nebel der Gebirge; dicht und trübe steigen und sinken sie, und wenn der Tag auch wiederkehret, so beglänzt der Sonne milder Strahl sie doch nicht, und der Schimmer des Mondes erhellet sie nicht, noch kein Flimmern der grünlichen Sterne.
Die arme Aura war zu selig gewesen, von dem ersten Seim der Liebe, mit dem ihr die Unschuld die Lippen genetzt hatte! Ihr war wie dem Sonnenküchlein*, das noch, im starren Arm des Winters schlummernd, vom ersten Kuß des Frühlings leise geweckt sich reget, die Augen öffnet, entzückt umherschaut, die Flüglein breitet, sich hebet, und ach! ins Blaue sich wagt - es schwebt - es schwirrt im labenden Strahl der Sonne! senkt sich ins Veilchen, und taucht das Zünglein in duftigen Nektar, will trunken werden; da, sieh! - ein wilder Sperling flattert und scheucht es! - Es zittert, und flieht - lange verfolgt es der Räuber! -
Rinaldo kam zur Hütte ihrer Eltern, ein fremder Jüngling; schön war seine Gestalt, bräunliche Locken wallten um die weißen Schläfe, zu denen das männliche Braun von den Wangen noch nicht gestiegen war. Sein blaues Auge blickte frei und edel umher, und drang in die Herzen der Mädchen. Aura saß unter dem Rebengeländer vor der Hütte Thür, es war an einem Maiabend, die Herde, mit der sie eben heimgekehrt war, umspielte sie noch. Sie saß mit der weißen Spindel, indeß die kleine Medora mit den Lämmern hüpfte, denen die Auen** oft blökend folgten, und oft still stehend sie forschend ansahen, ob auch das Spiel des Mägdleins den Lämmlein zu stark würde. Rinaldo kam in den letzten Strahlen der Sonne den grünen Hügel herab, und staunte ob dem Anblick, der noch wie keiner ihm in die Seele drang. Sein Herz war noch frei, wie konnte es einen Augenblick ungerühret von Aura bleiben, denn Aura war schön wie das Kind der Liebe! Unschuld umgab sie wie ein Gewand, und Anmuth leitete ihre Schritte! Der Jüngling grüßte sie freundlich, sie sah ihn an, und es war ihr, als gösse sich ein anders, ein neues Leben durch ihre Adern. Sie brachte Rinaldo zu ihren Eltern in die Laube des Gartens, und mußte erröthen, selber nicht wissend warum; die Eltern begrüßten ihn freundlich und behielten ihn zur Nacht, und den andern Tag, und so ferner, keiner dachte von ihnen allen ans Scheiden. -
Indeß sahen die Eltern, wie den Kindern unbewußt die Liebe in den Herzen aufwuchs. So keimt im Garten unter Blumen versteckt das zarte Kirschbäumchen, treibt Blätter im Stillen, dann einen Stamm, und bald erhebt es sein Haupt mit Blüthen umkränzt über die Blumen die es gedeckt hatte, und dann glänzt die rothe Frucht an den belaubten Zweigen! Die Eltern liebten den Jüngling und erlaubten ihm gern Aura zu lieben. Auch sollte nun bald das schönste Band sie umwinden, um sie unzertrennbar durchs Leben zu vereinen.
Ach daß die Blumen, Aura, zu deinem Kranze blühten, und nur die Liebe zögerte ihn zu winden! Die Liebe saß indeß mit verschlungnen Armen an der Quelle, gedachte der Freuden eures Bundes, und wie sie selbst diese Freuden, immer alt und immer neu, jeglichen Tag wie die Sonne aufgehn ließ.
Diese genossen die Liebenden mit offnen unschuldigen Herzen, und die Tage entschwanden ihnen wie Augenblicke unter ihren Gesprächen, und den ländlichen Freuden, die ihnen die schöne Natur mit tausend Händen darbot. Nie waren sie glücklicher, als wenn sie mit der Herde unter Blumen in schönen Gegenden irrten. Von ihrer Liebe, von jetzigen und künftigen Freuden sich unterhaltend, entstiegen dann ihrer glücklichbildenden Phantasie süße Plane, wie den klaren Gewässern schöne blaue Libellen*** entsteigen, sich in Blumenkelche senken, die ihnen Haus und Bette, Kleidung und Mahl sind!
Oft saßen sie am See, der ihnen aus seiner Tiefe, mit grünen Zweigen umwebt, zu jeglicher Stunde frische Kühlung zuwehte. Die Nachtigall sang ihnen da unaufhörlich zur Seite, und Arm in Arm geschlungen lauschten sie der süßen Sängerin der Liebe. Oft strömte ihr Gesang in die Seele Rinaldos, daß er, sanfter Entzückung voll, ihr und der Liebe seine tiefen Empfindungen in melodischen Worten ausgoß. Wie entzückst du die Seele mit süßen harmonischen Tönen,
Daß sie erzitternd sich hebt, und hoch in die Himmel sich schwinget!
Auf den Flügeln deines Gesangs, der Erd' entsteigend,
Sieht sie nicht mehr die Blumen um sich, der webenden Zweige
Blüthen, der Seen stille Gewässer nicht, noch der Wiese
Schlängelnden Bach; der Sphären Wechselgesang ertönt ihr;
Auf der Gestirne Strahlen schwebet sie, denkt Gedanken,
Welche, der Erde zu hehr, in himmlischen Lüften verwehen.
Soll ich die Quelle des Zaubers, den du aus wirbelnder Kehle
In die Herzen uns gießest, o Philomela, enthüllen?
An den Quellen der Morgenröthe verweilte die Liebe,
Bei der Wiege des jungen Lenzes, den Augen entquollen
Thränen süßer Gefühle; da stieg zu deiner Erschaffung
Ihr in die bebende Seele der erste, leise Gedanke.
Dreimal athmete lächelnd sie, und erschuf dich. "Nimm die
Flügel der Frühe" sprach sie, "und meines Odems Stimme!"
Hauchte belebend dich an! Auf flatternden Schwingen entsankst du,
In ein Myrthengebüsch, das ihr um die Füße sich wölbte.
Und da athmetest du die süße, melodische Stimme,
Daß vom geflügelten Ton die Blüthe der Myrthen erbebte.
Lächelnd entschwebte die Lieb' auf Rosengewölken, sie blickte
Segnend dich an, und sprach: "In lieblichen Düften des Maies,
Hauche süßer Thränen Gefühl und Wonne den Menschen!"
Scheidend horchte sie noch den fernhin schmelzenden Tönen,
Die in den Westen um sie, wie Seufzer der Lieb', erstarben.
Aura hatte ihrem Rinaldo oft von einem Bruder erzählt, der seit einem Jahre in der Fremde war, und nun wohl bald wiederkehren würde. Ach sie wußten beide nicht, daß, wenn sie glaubten von einem Bruder zu reden, sie sich von dem künftigen Störer ihre Ruh und Freuden unterhielten! Rinaldo wußte nicht, daß er ihn schon kannte, daß Auras Bruder sein Feind war. Er hatte ihn unversöhnlich in einem Wettschießen erzürnt, wo sein Pfeil den seinigen ereilend stürzte, als Duro schon das Ziel zu erreichen glaubte. Das konnte der rauhe Jäger ihm nie verzeihen, so sehr sich auch Rinaldo darum bemühte, dem es weh that, wenn er wußte daß ihm jemand gram war.
Eines Mittags, als sie wieder mit der Herde heimkehrten, fanden sie die Mutter emsig beschäftigt die Hütte zu schmücken, wie zu einem Feste; auch glühten ihre Wangen vom Feuer des Herdes, auf dem sie die Beute der Jagd bereitete. "Was hast du o Mutter?" fragten eilig die Kommenden. "Ei ihr werdet es wohl erfahren, ich darf es euch nicht verrathen. Komm indeß, Aura, und hilf die Kräuter zum Salat mir lesen. Die würzigsten suche, und dann kühle und reinige sie im Bache." Aura eilte und kam bald mit den glänzenden Kräutern wieder heim, und stellte sie im schönen, runden Gefäß auf den weißen Tisch. Da trat in die Thüre der Vater, mit ihm der Sohn, Auras Bruder. - Sie eilten sich entgegen, und schon umschlang mit Bruderliebe sein Arm sie, als er Rinaldo erblickend, auf einmal zurückfuhr. Dieser erstarrte, als er seine Braut an der Brust seines Feindes sah. "Ist das der Jüngling, Vater? Nimmer werd' er mein Bruder!" rief er voll Zorn, und wandte sich plötzlich von Aura, die vom schnellen Uebergang der Freude zum Schrecken überwältigt, ohnmächtig hinsank! Ihr Bruder war ihr ein Räthsel, ach aber das Räthsel lös'te sich bald! und sie erfuhr, was sie nie geglaubt hätte, daß Duros Herz hart wie sein Name sei. Die Eltern, welche Rinaldo liebten, und wußten, wie Auras Seele an ihm hing, versuchten alles, ihn mit dem edlen Jüngling zu versöhnen; aber nichts rührte den Eisernen! er verhärtete sogar sein Herz beim Anblick ehmals so geliebten Schwester, die von innerm Grame bleich, oft in stummen Thränen vor ihm zerfloß. So beugt die zarte Lilie ihr Haupt, wenn die Mittagssonne in starker Glut ihre Strahlen wie Pfeile auf sie herab schießt. Die glänzenden Tropfen des Morgenthaus hat sie verzehret, nun saugt sie an der Wurzel und trocknet die schönsten Säfte aus, die so lieblichen Duft um sich verbreiteten! Wird kein mitleidiges Wölkchen dich schirmen vor der brennenden Glut, und wird kein Abendlüftchen dich bald anhauchen, - daß der milde Schleier der Nacht dich umwalle, und auf dem sanfteren Strahl des Mondes dir Erquickung zuschweben?
Duro verfolgte sie mit scharfen Reden. Die gingen Rinaldo durchs Herz, denn er sahe, wie sie gleich einem versengenden Mehlthau, die Rosen auf den Wangen seines Mädchens bleichten. Er entschloß sich, sein liebendes Herz zu besiegen, dem süßen Anblick und dem himmlischen Umgang mit seiner über alles geliebten Aura zu entsagen. Lange trug er diesen bittern Vorsatz mit sich umher, eh' er ihn ihr entdecken konnte. Wie ihm aber eines Abends die Wehmuth und der zurückgehaltene Zorn wider Duro zu mächtig ward, brach er sein trauriges Schweigen. Er war allein mit Aura, an einem ihrer Lieblingsplätze. Dieß war ein Hügel am Bach, den hohe Buchen umkränzten; in ihrer Mitte stand eine Birke, die mit sanftem Lispel, wenn dichtere Zweige schwiegen, ihnen unnennbare Empfindungen zusäuselte. Der Mond bebte durchs grüne Laub, und Rinaldo küßte sein blasses Bild oft in der stillen Thräne an Auras Wimpern auf. "Du sollst nicht länger um mich leiden," sagte er; "ich will den Wünschen deines Bruders zuvoreilen, und seinen Blicken einen Feind entziehen, dessen Gegenwart sein Herz nur noch mehr verhärtet. Dann aber, hoff' ich, wird es schmelzen, wie das Eis am Felsen, wenn der Winter das Thal verläßt, und dich wird wenigstens die Ruhe wieder segnen." Aura sank an sein Herz, die Rede Rinaldos drang wie ein Schwert durch ihre Seele, und dennoch durfte sie nichts dagegen antworten. Mit ihm zu fliehen hatte ihr kindliches Herz ihm versagt; wie hätte sie ihre Mutter in solche Tiefen der Angst stürzen können? Ach aber wie tödtend war der Gedanke, ohne Rinaldo zu leben! - Das wäre ja kein Leben, nur Schatten des Daseins, leer und gedankenlos! öde wie finstre Nächte! "Einst werden uns ja wieder frohe Tage lächeln, daß ich wiederkehre, um ewig ungetrennt von dir zu sein! Das darf ich von der Reinheit unsrer Liebe hoffen, auf die Gott gewiß mit Wohlgefallen herab schaut. Laß mich denn gehn, vom stolzen ruhigen Gedanken begleitet, daß ich dir deine Eltern und deinen Bruder versöhne, der soll mein Kissen des Nachts sein, und eine Stütze auf harten Wegen." So tröstete und stärkte der Edle seine Geliebte, und schweigte die Stimme seines klopfenden Herzens, das laut wider seine Rede empor schlug.
Lange saßen sie schweigend im Schimmer des Mondes, und ließen die trüben Gedanken mit den Wellen des Bachs wallen, auf den ihre starren Blicke sich senkten. "So soll ich denn den dunkeln Pfad meines Lebens allein wandeln, ungestützt vom warmen Arm der Liebe? So mögen denn meine Schritte wanken, daß ich bald sinke ins kalte Grab, wo die Ruhe mir mein Bette bereitet! die Liebe hat ihre Kammer vor mir verschlossen, ihr Lager nimmt mich nie auf; o daß uns denn der Ewigkeit Morgen bald aufginge, und wir der seligen Dämmerung entgegenschwebten, die uns jenseit dieses dunkeln Thales winket! Dort wütet kein Haß noch Trennung, nur Liebe und Unschuld wallen allda unter himmlischen Blüthen!" Athemlos umschlang so Aura ihren Rinaldo; mit heißen Seufzern segneten sie sich einander zur Trennung ein. Engel schwebten auf des Mondes Strahlen zu ihnen herab, voll himmlischer Wehmuth glänzte ihr Blick auf die Liebenden, und goß Stärkung in ihre Seelen, die sonst gesunken wären unter der Last der nahen Trennung!
In der Nacht verließ Rinaldo die Hütte. Die Seele Auras begleitet ihn. Ihr tiefsinniger Blick, der unbeweglich vor ihren Schritten starrte, verrieth den Eltern die Trennung bald, und sie sahen, daß sie nur die Hülle ihres Kindes behalten hätten, daß ihr Geist dem gefolgt war, an den unauflösliche Liebe sie band. Duro war weniger hart, doch schien es Aura nicht zu bemerken; sie entzog sich, so oft sie konnte, ihrer aller Blicken, und täglich eilte sie zum geliebten Hügel, auf dem sie ihren Rinaldo die letzten Küsse gegeben hatte, wo ihr noch die Worte seiner Liebe wie ein lindes Säuseln ertönten. Sie saß dann wie lauschend, und sann an die Tage der Freuden, die da kommen sollten, deren fernstes Dämmern sie noch nicht erblickte. Langsam und trübes Blickes ging sie dann den Hügel herab. So wallt ein einsames Wölkchen am Mond vorüber, wenn die Sommernacht Stille und Kühlung auf den glänzenden Flügeln des Thaues der Erde zusendet; der leichte Schatten schwebt über die blumigen Wiesen, wie eine Schaar tanzender Mücken über spiegelnde Teiche, wenn ein scherzender West mit schalkhaftem Odem sie vor sich her treibt, daß sie vor ihm sich im Schilfe verbergen.
Rinaldo ging indeß mit schwerem Herzen, selber nicht wissend wohin. Das Bewußtsein der edlen Selbsverläugnung ging ihm aber zur Seite, und umgab ihn wie ein starker Schild. Der Gedanke an Auras Frieden füllte seine Seele, noch mehr der, daß er gewiß in ihrem treuen Herzen lebe und ewig leben werde. Die Stimme der Hoffnung sang ihm auch unaufhörlich im Herzen, und voll süßer Wehmuth lauschte er ihren Gesängen, die ihn in süße Träume wiegten, und in die lächelnden Gefilde der Zukunft hinzauberten, in denen Aura vor ihm schwebte, und den vereinten Pfad ihres Lebens mit immer frischen Blumen bestreute. Von einer Freude zur andern eilte mit ihr sein Geist, wie die emsige Biene von Lindenblüthen zu Rosen schwebt, und immer die Lippen nur mit dem obersten duftigsten Thau netzet. - Sinnend ging er lange durch Thäler und felsige Gebirge, bis er einen Strom entlang zu einem schmalen Fußsteg kam, der ihn durch blühende Büsche zu einer kleinen Hütte führte.
Hier nahm ein freundlicher Greis ihn auf, der dort in friedlicher Einsamkeit lebte. Seine Hütte lag in der schönsten Einöde; dicht an ihr grenzte ein Buchenwald, den der Felsenstrom durchbraus'te, daß man in der Hütte sein Sausen hörte, wie die Stimme der Tannenwipfel, wo ihr Wald am dichtesten ist. Vor der Hütte hatte der Greis schöne duftende Gesträuche gepflanzt, die abwechselnd immer in Blüthen prangten. Die Felsen, aus welchen der Strom stürzte, bildeten tiefe Höhlen, in denen man die Regenbogen der Wasserfläche bei untergehender Sonne mit tausend Farben spielen sah.
Viele Tage lebte Rinaldo hier, denn der Greis gewann ihn so lieb, daß er ihn nie scheiden ließ, und ihn von einem Tag zum andern aufhielt. Auch liebt ihn der Jüngling wie seinen Vater, und er horchte mit Entzücken der Stimme seiner milden Weisheit, die wie Honig vom Felsen, von seiner Lippe floß.
Alle Morgen bestieg Rinaldo den Felsen, der zunächst an der Hütte steil empor ragte; seine Spitze umschlangen Weinranken und Geißblatt in Blumenketten, die vom Frühthau schimmerten. Auf dem höchsten Gipfel des Felsen erwartete er den herrlichen Aufgang der Sonne, mit ihm die erwachenden Vögel, die nur leise noch um ihn zwitscherten, beim feierlichen stillen Morgenroth, das in Osten heraufwallte, und noch in erquickendem Thau auf die ruhende Natur herabschauerte. So feierlich ist die erste Stunde des frommen Dulders nach dem letzten Schlummer, wenn sein Blick, in sanfte Dämmerung erst, dann in Morgenröthe gehüllt, der alles belebenden Sonne der großen Ewigkeit entgegen staunt. Jetzt stieg sie herauf! erst zitternd, dann strahlend, und nun erweckt sie die ganze Natur, die ihr wonnevoll in Millionen Harmonien entgegen jauchzt! Entzückt stand Rinaldo und schaute umher; seine ersten Blicke sanken dann ins Thal, wo die Hütte seines Mädchens ruhte, und in Liebe versunken, dachte er nur sie, die ihm wie die Sonne durch die ganze Natur in die Seele schimmerte.
Einst als er später wie gewöhnlich seine Wallfahrt zum geliebten Felsen antrat, (er hatte dem Greise geholfen die Reben der Laube zu binden) fand er, da er hinauf kam, schon die Sonne im vollen Glanz hervorgehn. Er setzte sich auf einer hervorragenden Klippe, die über das nächste Thal hing; dieß war wie eine enge rauhe Felskluft, durch die der Strom unten sich schäumend drängte: schroffe Felsspitzen stiegen an ihm auf und ab. Rinaldos Blicke sanken in diese schauerliche Tiefe, die ihn in die unendlichen Tiefen der Gedanken hinabriß, die oft in den Seelen der Liebenden sich dunklere Höhlen bilden, als die reißenden Felsenströme.
Als er so sinnend da saß, ward er auf einmal staunend gewahr, daß ihm eine menschliche Stimme in Seufzern ertönte. Er lauschte, und als sie ihm immer vernehmlicher ward, sprang er auf, und eilte dem Laute nach. Er stieg etliche Klippen hinab, ohne jemand zu erblicken. Da rief er. Eine dumpfe Antwort erscholl ihm; sie kam aus der Tiefe und flehte um Hülfe. - Er schrie ihr zu, daß er käme, und in kühnen Sprüngen, wo er immer der Gefahr wie eine Gemse entschlüpfte, war er bald unten, von wannen ihm die Stimme herauf getönt hatte. Da fand er endlich einen jungen Mann ohnmächtig, sein Gesicht war von Blut entstellt, das strömend aus den Wunden der Stirne floß. Er eilte, ihn mit Wasser vom Strome zu erfrischen, und rief die fast entflohene Seele wieder zurück. Dieser schlug die Augen auf; aber sein Blick, der auf seinen Retter fiel, den er für einen Engel vom Himmel gehalten hatte, zitterte erschrocken zurück. Er erkannte Rinaldo. Duro war der verwundete Mann, den fast die Felsen zerschmettert hatten, als er, eine Gemse in unbesonnener blinder Jagdlust verfolgend, von ihnen herabgestürzt war. Manche spitze Klippe hatte ihm verrätherisch den Arm geboten, um ihn nur tieferen und schärferen zuzusenden, bis er endlich auf einem breiteren Stein, mit kleinen Gesträuchen und moosichten Gewächsen bedeckt, liegen geblieben war.
Hier fand ihn der gute Rinaldo, erkannte aber sein von Wunden bedecktes Antlitz nicht, und er pflegte und wusch ihn brüderlich. Duro seufzte und sagte: "Ich denke, du kennst mich wohl nicht?" - Die Stimme fuhr Rinaldo durchs Herz, und sie stieß an und zitterte von den Saiten seiner Seele zurück. So erschüttert ein rauher Hauch des Windes zuerst die zarten Saiten der äolischen Harfe, bis er wie ein sanfter West, in die letzten feinsten hinüberschmilzt und in Harmonikas Tönen erklingt. Duro war verwundet, und bedurfte seiner Hülfe, das war genug, um alle Gefahren für ihn zu wagen; er war Auras Bruder, wie gern hätte er sein Leben für ihn gegeben! Auch hatte er ihn nie gehaßt, und immer gesehen, daß ihn nur leidenschaftliche Aufwallungen wider ihn eingenommen hatten, welche zu bekämpfen sein Herz zu stolz und zu schwach war.
Rinaldo bog sich mit freundlichen Blicken über ihn, und Duro sahe beschämt, welch ein edler Jüngling sein Feind war. Er suchte erst alles zusammen, um ihn auf die bequemste Art für seine Wunden fortzutragen; dann lud er ihn sanft auf seine Schultern, und ging den Strom entlang, dessen Ausfluß er kannte.
Der Weg zur Hütte war lang und eng und felsig; er suchte oft einen moosigen Stein, auf dem er den Leidenden ausruhen ließ, bis er in etlichen Stunden mit ihm zur Hütte des Greises kam. Dieser legte dem ermatteten Duro heilsame Kräuter auf die Wunden, und stärkte ihn mit erfrischender Milch, Früchten und Wein. So pflegten beide den Kranken mit treuer Sorgfalt, welche bald die Genesung herbeirief. Duro hatte seinen alten Groll vergessen und sich herzlich mit Rinaldo ausgesöhnt. Er war edel genug ihm zu gestehen, daß er sich sein selbst schäme, und seiner Verzeihung nicht werth sei.
Rinaldo war indeß selig, als umschlängen ihn schon die Arme seines Mädchens, froh wie die steigende Lerche, wenn sie im blauen Aether die leichten Schwingen badet und die freudige Seele in tausend melodischen Tönen ausgießt! Wie ein Gems eilte er seinen Felsen hinauf; es war ihm immer, als sei er da seiner Geliebten näher, und sein Geist schwebte auf den Flügeln der Sehnsucht und der Liebe vom Felsen zu ihr ins Thal. Dieß Lied sang er da leise den ersten Morgen, nachdem er Duro gerettet hatte, und die Hoffnung ihm mit Morgenschimmern, die um ihn die Felsen rötheten, ins Herz drang. Auf jungem Strahle der Frühe
Schwebe mein Liebesgruß!
Dringe durch neidische Schleier,
Lagr' auf die Rosenlippe sich,
Und entküss' ihr die Träume,
Ach die Träume von mir!
In denen ich Seliger lebe,
Den sie in Seufzern nun nennt!
Lispl' im süßen Schlummer
Zum Ohr ihr hinauf!
Nenn' ihr meinen Namen,
Hauch' in Nachtigalltönen Ruh ihr ins Herz!
Wenn sie beim sanften Erwachen
Mein dann gedenkt,
Und mit schmachtender Seele
Nach entfliehenden Träumen noch hascht;
Dann entlocke der Hütte sie,
Wie die Nachtigall
Den Geliebten dem Busch entlockt,
Daß er das Nestlein auch decke.
Staunend blicket dann Aura
In die beglänzte Natur,
Deren Fülle ihr Liebe haucht,
Denn meine Seele schwebet um sie!
In der Vögel Gezwitscher,
In dem Säuseln der Blüthen,
Im Gelispel des Baches,
Tön' ihr mein Liebesgruß!
Sing' ihr von nahenden Freuden,
Von den Knospen der Liebe,
Von dem Schimmer der Hoffnung,
Der hell auf dem Pfade zur Wiederkehr strahlt! Mit zitternder Ungeduld wünschte er dem Augenblick Flügel, der ihn, an der Hand ihres, nun auch seines Bruders, zu ihr führen sollte. In tausend Bildern erschien ihm da das liebliche Mädchen; das erste Wallen der Freude umgab sie wie ein glänzender Schleier!
Duro war nun geheilt, und durfte jetzt den Weg zur Hütte wagen; früher hatte es ihm der weise Greis nicht erlaubt, so sehr Dankbarkeit auch den Jüngling antrieb, daß er, seiner Schmerzen uneingedenk, jeden neuen Tag mit Rinaldo eilen wollte. Der Greis begleitete sie, um die schöne Braut seines geliebten Rinaldos zu sehen, und sie zu segnen. Mit der ersten Frühe gingen sie aus, und kamen, wie Aura eben mit der Herde zu Mittag heimkehrte.
Medora hüpfte ihr entgegen, und zog sie mit kindlicher Gewalt zur Hüttenthür; dann sah sie nach den Lämmern sich um, und rief auf einmal: "Sieh da! drei Männer kommen den Hügel herab; wer sind sie, o Aura?" - Aura sah hin, erkannte den Bruder - Rinaldo - und sank - doch auf der Liebe Flügel eilte er, und die Arme des Geliebten hielten die Sinkende!
Sprache! Armseliges Kleid, in das die Empfindung der liebenden Seele sich hüllen soll, wie sind deine Worte so schwach! - Wie könnten sie fassen, was in den Blicken, in der Seele Auras kämpfte! - Ihr Bruder stand gerührt über sie gebeugt, auf den Stab gestützt. Die Eltern eilten herbei, staunten und schwiegen, aber ihre Blicke forschten im Kreise umher; der Greis verstand und beantwortete sie. Da ergoß in segnenden Worten sich ihr beklommnes Herz, und sie umarmten den Retter ihres Sohnes mit dankbaren Thränen.
Aura konnte nicht reden, aber ihr Auge sagte dem seligen Rinaldo die unnennbaren Gefühle ihrer Seele, und er schwamm im Meer der Wonne, an ihrem klopfenden Herzen. Unter den Thränen hervor
Erhebe dein Haupt!
Ros' erhebe dein Haupt!
Der Gewitter Donner entrollen,
Verhallen in der Gebirge Höhlen!
Sieh' ich komme, die Freude kommt!
Auf Farben des Friedensbogens
Schwebet mein Fuß!
Sie bestrahlen die Thränen
Der matten Wimper!
Ich entküsse sie leise,
Blühe nun schöner auf!
Blicke lächelnd mich an!
Sieh' ich hebe den Schleier dir auf,
Den hüllenden Schleier der Zukunft.
Die Liebe kommt!
Die hohe himmlische Liebe!
Ihren Händen entwallen
Blumen-Kränze,
Dein sind sie, o Aura!
Ewig blühend umschlingen sie euch,
Wir netzen sie beide
Mit erquickendem Himmelsthau!
Daß sie duftender glänzen,
Immer schöner euch blühn!
In den Armen der Liebe
Ruhst du! Auf frühem Strahle
Küss' ich zu neuer Wonne,
In den Armen der Liebe,
Jeden Morgen dich wach!
* Sonnenküchlein. Vielleicht ein Provinzialwort. In andern Gegenden Deutschlands nennt man den lebhaften kleinen rothen Käfer mit schwarzen Flecken, welcher sich oft schon im März zeigt, Herrgottsvögelchen.
** Aue. Abermals ein Provinzialwort, aber ein Westphälisches. Wie kommt Psyche dazu? Aue, ein Mutterschaft. Englisch Ewe. Ich sehe nicht, wie wir des Wortes Aue in diesem Sinne entbehren könnten. Sehr poetisch wird es statt Wiese gebraucht, wo es doch entbehrlicher wäre.
*** Libelle. Unter den Namen Wassernymphe, Jungfer, ist dieses schöne Insekt wohl den meisten bekannt. Aber wenige wissen vielleicht, warum es an schönen Sommertagen so gern über Gewässern flattert, und alle Augenblicke den untern Theil des Leibes ins Wasser taucht. Dann legt es seine Eier. Aus diesen Eiern kriecht ein gefräßiges kleines Wasserthierchen. Wenn dieses die Hälfte seiner künftigen Größe erreicht hat, bekommt es Flügelhüllen. Vollkommen erwachsen, kreucht es aus dem Wasser, hängt sich an Gras oder Gesträuch, und verwandelt sich in ein schönes schlankes Insekt mit vier Flügeln. Herder hat dieses liebliche Thierchen sehr lieblich in diesem Liede besungen:
Die Wassernymphe
Flattre, flattr' um deine Quelle,
Kleine, farbige Libelle,
Zarter Faden, zartbeschwingt!
Fleug auf deinen hellen Flügeln,
Auf der Sonne blauen Spiegeln,
Bis dein Flug auch niedersinkt.
Deine längsten Lebenstage,
Fern von Freude, fern von Plage,
Hast du, Gute, schon gelebt;
Als dich Wellen noch umflossen,
Als dich Hüllen noch umschlossen,
Waren sie dir leicht gewebt.
Jetzt, nach deinem Nymphenleben,
Darfst du als Silphide schweben,
Wie weit dich der Zephis trug;
Und du eilst, mit muntern Kräften,
Nur zu fröhlichen Geschäften,
Deine Liebe selbst ist Flug.
Flattre, flattr' um deine Quelle,
Kleine, sterbliche Libelle,
Um dein Grab und Vaterland;
Eben in dem frohsten Stande,
Fleugst du an des Lebens Rande;
Ist das meine mehr als Rand?
Einst, wie dir, wird deinen Kleinen
Auch die Sommersonne scheinen,
Gieb der Quelle sie als Zoll,
Und erstirb; die matten Glieder,
Seh' ich, welken dir danieder;
Schöne Nymphe, lebe wohl!
Aus: Die Insel von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg
Leipzig 1788 (Kapitel: Aura. Eine Erzählung von Psyche) (S. 210-236)
welche der Psyche zugeschrieben wird," schreibt Stolberg
am 3. Oktober 1788 an Bürger]
Der Nacht Schatten wallte wie ein Schleier die Gebirge herab, und schon war die Sonne ins Meer gesunken, ihre scheidende Strahlen rötheten den westlichen Himmel, wie der Mai den schönen Busen der weißen Rose. Noch irrte Aura in den Thälern umher, und merkte den Thau des Grases nicht, der ihre Füßchen netzte, wenn sie über die blumigen Weiden bald eilend schwebte, bald mit langsamen Schritten die wallende Seele umhertrug.
Das Blöken ihrer Herde, die sich nach ihrer gewohnten Ruhe sehnte, mahnte sie nicht an die Heimkehr; ihr Herz war zu voll, um das was um sie her lebte zu achten. Sie kam ans Ufer des Sees, an dem ihr, ach vor kurzem noch! die Tage wie Augenblicke in süßer unschuldiger Freude hingeschwunden waren. Hier sank sie, von Wehmuth und Schmerz ermattet, an einem Stein. Ueber sie hin duftete liebliches Geißblatt seine ersten Blüthen aus, auf des Schilfes Gesäusel wehte der See ihr Erfrischung zu, und sanfter Lüfte Flügel kühlten ihre brennenden Augen, die keine Thräne mehr hatten. Leise, nach manchem Seufzer, begann ihre Klage, verlor sich erst im Lispel des Schilfes, dann stieg sie auf, wie aus der Nachtigall Kehle die seelenschmelzende Stimme: "Bin ich für immer elend, und wird nie mein Schmerz sich enden? Soll ich mein Leben verweinen im dunkeln Thale des Jammers, und werden mir nie der Freude Tage mehr lächeln wie Morgenroth? Rinaldo! Rinaldo! wie kann mein Bruder dich hassen, der du so liebend und liebenswerth bist! - Ach wie wallte mein Herz, wenn oft in traulichen Reden der Vater Sohn dich nannte, und die Mutter wie ihren Eingebornen dich liebte! nun hassen sie dich, weil Duro dich hasset. Nur ich liebe dich noch, und will so lang' ich athme dich lieben! Meine Seele ist mit der deinen verwebt, die Liebe hat sie mit Faden umwunden, die feiner wie Aether sind, und fester wie die Bande des Lebens! Aber du bist ferne von mir, Rinaldo! und unsre Schritte begegnen im Irren sich nicht; uns trennen vielleicht unendliche Höhen und Tiefen! Mein Jammer dringt nicht zu dir, und ich höre die Seufzer deiner Liebe nicht! O daß eine Felskluft uns deckte, die Zuflucht der weißen Kaninchen, oder wir auf den Gipfeln der Berge wohnten, wo in stolzer Ruh der Adler sein Nest bauet! die Pfeile meines Bruders sollten uns da nicht treffen, und die Flammen seiner Augen würden nicht mehr die Rosen meiner Wangen bleichen!"
So klagte die schöne Aura, und die Worte erstarben in ihren Seufzern, welche die Lüfte des Sees verwehten. Sie wußte nicht, daß in ihren quillenden Thränen der aufsteigende Mond sich sah, wie im Tropfen Thau an des Geißblatts zarter Blüthe, die auf den Locken ihrer Stirne bebte. Bald aber sahe sie den stillen Vertrauten ihrer Schmerzen, blickte ihn traurig an, und erhub sich, der Heimath gedenkend. Sie staunte, als sie ihre Lämmer schlafend fand, die sie umsonst an die späte Stunde gemahnet hatten. Eilend trieb sie sie nun vor sich her. Sie säumten nicht, und hüpften die wohlbekannten Steige zur Hütte entlang, und mit bangem Herzklopfen trat Aura in die Thüre, die für sie nur noch aufstand. Die Eltern sagten ihr nichts, ob sie gleich wegen ihres ungewöhnlichen Säumens gesorgt hatten, und Aura eilte zum Schwesterchen in die Kammer; diese saß auf ihrem kleinen Lager und weinte, hatte des Schlafes sich lange erwehrt, um noch die Schwester zu liebkosen. "Kommst du endlich?" sagte sie schluchzend, und schmiegte das gelbgelockte Haupt an ihre Brust, und küßte ihr mit Inbrunst die Hände. Aura drückte sie an ihr Herz, sie konnte nur so antworten. "Ach," sagte die kleine Medora, "ich konnte gar nicht schlafen, weil du mich nicht wie sonst ins Kämmerchen führtest, und unter schönen Geschichten entkleidend zu Bette legtest. O süße Schwester! es thut mir so weh, daß der Vater dir nicht so freundlich wie sonst ist, und wenn die Mutter heimlich weint, und ich frage warum? - sie seufzend dich nennet, deren Namen sie sonst nur mit Freuden erfüllte."
"Traure nicht um mich, du trautes Kind!" sagte Aura - "Schlafe nur sanft, und freudig sei dein Erwachen! O daß deine Tage in ewiger Wonne wechseln mögen, und deinem entknospenden Leben kein tödtender Wurm sich nahe, der an den ersten Blüthen nagend das Haupt dir beuge!"- Sie wiegte an ihrer Brust den kleinen Engel, bis der trauliche Schlaf sie in die Arme nahm.
Nun ging Aura noch hinaus zur Mutter, und bat sie um ihren Segen zur Ruhe; sie sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit bebenden Armen. "Mutter! ach Mutter!" stammelte sie - mehr ließ sie die Wehmuth nicht reden. Leise schob, die Hand vor dem Busen, die Mutter sie weg, und wandte ihr Antlitz, die steigende Thräne zu bergen. Wie sie aber auf ihrer Hand des Kindes heiße Lippen, die Thränen in den herabwallenden Locken, das Klopfen ihres lieben Herzens im schönen Busen fühlte! - Da entglitt ihr die Hand, sie beugte ihr nun feuchtes Gesicht über die glühenden Wangen der Tochter, die in Schmerzen versunken an ihrem Herzen lag. Der Mond der ins Fenster schien, erleuchtet sie in dieser rührenden Stellung, und die Mutter blickte auf ihr schönes Kind herab, das vor ihr lag, wie ein weißes Lämmchen, welches, eben von der Höhe eines jähen Felsen herab gestürzt, in seiner leblosen Betäubung da liegt. Ihre Seele ward bewegt, und sie drückte sie heftig an ihre Brust, bedeckte sie mit strömenden Thränen! "Süßes, geliebtes Kind! du marterst mein zerrißnes Herz mit deinen Qualen, die du dir aber doch selber bereitest. Erfreue mich und uns alle wieder, und folge unserer weisern Erfahrung."
"Hast du denn nie geliebt, Mutter? - und könntest du Blumen, die du mit eigner Hand und warmen Herzen gesäet hast, so in ihren Knospen ausreißen, ehe du sie blühen gesehen, und dich an ihrer Schönheit Glanz, an ihrem labenden Duft dich gefreut hättest, wovon dir die Seele so viele Bilder vorher schuf?"
"Schweige von Liebe, du bist noch ein Kind und kennest sie nicht! Wie kannst du dir Freuden von dieser Liebe versprechen, die dein Bruder mit Abscheu verfolgt, und wir mißbilligen müssen?" "Ach Mutter! du redest wider dein Herz; oder hast du die Tage wirklich vergessen, wo du mit Mutterliebe an ihm hingst, und oft dein segnender Blick auf uns sank? Mild wie die Sonne an den ersten Blüthen des Frühlings glänzt, und sie mit belebenden Strahlen der schönsten Reife entgegen bringt." "Geh zur Ruhe, mein Kind!" sagte seufzend die Mutter, und erhub sich. Schweigend verließ sie Aura, und wankte zur Kammer, wo ihr Schwesterchen sanft athmend schlummerte. Auf ihren Wangen hatte rosenblühende Schönheit, mit der Lilie Unschuld sich verwebt, und ruhig lag sie in ihren gelben Locken, gleich einem schlafenden Engel, der in den ersten Stunden seiner Erschaffung in seliger Ruhe da liegt. Aura sahe sie an, die Hände über den Busen gefaltet. "Ach daß die Ruhe mich so umwehte wie dich, du holdseliges Kind! und des Schlafes Flügel mich deckte!" Sie legte ihre Hand noch auf des Kindes Herz und es that ihr wohl sein Klopfen zu fühlen. "Du verkennest mich nicht und liebst mich, du Kleine, und wünschest mich glücklich zu sehn; das höre ich in jedem Lispel deines sanften Odems, der meine Seele erquicket, wie in der Mittagshitze ein kühlendes Lüftchen die lechzende Blume erfrischet!" Aura legte sich nieder; doch die Liebe ließ sie nicht ruhen, sondern füllte ihr Herz mit traurigen Bildern, die vor ihrer Seele überwallten, wie über des Thales Quelle die Nebel der Gebirge; dicht und trübe steigen und sinken sie, und wenn der Tag auch wiederkehret, so beglänzt der Sonne milder Strahl sie doch nicht, und der Schimmer des Mondes erhellet sie nicht, noch kein Flimmern der grünlichen Sterne.
Die arme Aura war zu selig gewesen, von dem ersten Seim der Liebe, mit dem ihr die Unschuld die Lippen genetzt hatte! Ihr war wie dem Sonnenküchlein*, das noch, im starren Arm des Winters schlummernd, vom ersten Kuß des Frühlings leise geweckt sich reget, die Augen öffnet, entzückt umherschaut, die Flüglein breitet, sich hebet, und ach! ins Blaue sich wagt - es schwebt - es schwirrt im labenden Strahl der Sonne! senkt sich ins Veilchen, und taucht das Zünglein in duftigen Nektar, will trunken werden; da, sieh! - ein wilder Sperling flattert und scheucht es! - Es zittert, und flieht - lange verfolgt es der Räuber! -
Rinaldo kam zur Hütte ihrer Eltern, ein fremder Jüngling; schön war seine Gestalt, bräunliche Locken wallten um die weißen Schläfe, zu denen das männliche Braun von den Wangen noch nicht gestiegen war. Sein blaues Auge blickte frei und edel umher, und drang in die Herzen der Mädchen. Aura saß unter dem Rebengeländer vor der Hütte Thür, es war an einem Maiabend, die Herde, mit der sie eben heimgekehrt war, umspielte sie noch. Sie saß mit der weißen Spindel, indeß die kleine Medora mit den Lämmern hüpfte, denen die Auen** oft blökend folgten, und oft still stehend sie forschend ansahen, ob auch das Spiel des Mägdleins den Lämmlein zu stark würde. Rinaldo kam in den letzten Strahlen der Sonne den grünen Hügel herab, und staunte ob dem Anblick, der noch wie keiner ihm in die Seele drang. Sein Herz war noch frei, wie konnte es einen Augenblick ungerühret von Aura bleiben, denn Aura war schön wie das Kind der Liebe! Unschuld umgab sie wie ein Gewand, und Anmuth leitete ihre Schritte! Der Jüngling grüßte sie freundlich, sie sah ihn an, und es war ihr, als gösse sich ein anders, ein neues Leben durch ihre Adern. Sie brachte Rinaldo zu ihren Eltern in die Laube des Gartens, und mußte erröthen, selber nicht wissend warum; die Eltern begrüßten ihn freundlich und behielten ihn zur Nacht, und den andern Tag, und so ferner, keiner dachte von ihnen allen ans Scheiden. -
Indeß sahen die Eltern, wie den Kindern unbewußt die Liebe in den Herzen aufwuchs. So keimt im Garten unter Blumen versteckt das zarte Kirschbäumchen, treibt Blätter im Stillen, dann einen Stamm, und bald erhebt es sein Haupt mit Blüthen umkränzt über die Blumen die es gedeckt hatte, und dann glänzt die rothe Frucht an den belaubten Zweigen! Die Eltern liebten den Jüngling und erlaubten ihm gern Aura zu lieben. Auch sollte nun bald das schönste Band sie umwinden, um sie unzertrennbar durchs Leben zu vereinen.
Ach daß die Blumen, Aura, zu deinem Kranze blühten, und nur die Liebe zögerte ihn zu winden! Die Liebe saß indeß mit verschlungnen Armen an der Quelle, gedachte der Freuden eures Bundes, und wie sie selbst diese Freuden, immer alt und immer neu, jeglichen Tag wie die Sonne aufgehn ließ.
Diese genossen die Liebenden mit offnen unschuldigen Herzen, und die Tage entschwanden ihnen wie Augenblicke unter ihren Gesprächen, und den ländlichen Freuden, die ihnen die schöne Natur mit tausend Händen darbot. Nie waren sie glücklicher, als wenn sie mit der Herde unter Blumen in schönen Gegenden irrten. Von ihrer Liebe, von jetzigen und künftigen Freuden sich unterhaltend, entstiegen dann ihrer glücklichbildenden Phantasie süße Plane, wie den klaren Gewässern schöne blaue Libellen*** entsteigen, sich in Blumenkelche senken, die ihnen Haus und Bette, Kleidung und Mahl sind!
Oft saßen sie am See, der ihnen aus seiner Tiefe, mit grünen Zweigen umwebt, zu jeglicher Stunde frische Kühlung zuwehte. Die Nachtigall sang ihnen da unaufhörlich zur Seite, und Arm in Arm geschlungen lauschten sie der süßen Sängerin der Liebe. Oft strömte ihr Gesang in die Seele Rinaldos, daß er, sanfter Entzückung voll, ihr und der Liebe seine tiefen Empfindungen in melodischen Worten ausgoß. Wie entzückst du die Seele mit süßen harmonischen Tönen,
Daß sie erzitternd sich hebt, und hoch in die Himmel sich schwinget!
Auf den Flügeln deines Gesangs, der Erd' entsteigend,
Sieht sie nicht mehr die Blumen um sich, der webenden Zweige
Blüthen, der Seen stille Gewässer nicht, noch der Wiese
Schlängelnden Bach; der Sphären Wechselgesang ertönt ihr;
Auf der Gestirne Strahlen schwebet sie, denkt Gedanken,
Welche, der Erde zu hehr, in himmlischen Lüften verwehen.
Soll ich die Quelle des Zaubers, den du aus wirbelnder Kehle
In die Herzen uns gießest, o Philomela, enthüllen?
An den Quellen der Morgenröthe verweilte die Liebe,
Bei der Wiege des jungen Lenzes, den Augen entquollen
Thränen süßer Gefühle; da stieg zu deiner Erschaffung
Ihr in die bebende Seele der erste, leise Gedanke.
Dreimal athmete lächelnd sie, und erschuf dich. "Nimm die
Flügel der Frühe" sprach sie, "und meines Odems Stimme!"
Hauchte belebend dich an! Auf flatternden Schwingen entsankst du,
In ein Myrthengebüsch, das ihr um die Füße sich wölbte.
Und da athmetest du die süße, melodische Stimme,
Daß vom geflügelten Ton die Blüthe der Myrthen erbebte.
Lächelnd entschwebte die Lieb' auf Rosengewölken, sie blickte
Segnend dich an, und sprach: "In lieblichen Düften des Maies,
Hauche süßer Thränen Gefühl und Wonne den Menschen!"
Scheidend horchte sie noch den fernhin schmelzenden Tönen,
Die in den Westen um sie, wie Seufzer der Lieb', erstarben.
Aura hatte ihrem Rinaldo oft von einem Bruder erzählt, der seit einem Jahre in der Fremde war, und nun wohl bald wiederkehren würde. Ach sie wußten beide nicht, daß, wenn sie glaubten von einem Bruder zu reden, sie sich von dem künftigen Störer ihre Ruh und Freuden unterhielten! Rinaldo wußte nicht, daß er ihn schon kannte, daß Auras Bruder sein Feind war. Er hatte ihn unversöhnlich in einem Wettschießen erzürnt, wo sein Pfeil den seinigen ereilend stürzte, als Duro schon das Ziel zu erreichen glaubte. Das konnte der rauhe Jäger ihm nie verzeihen, so sehr sich auch Rinaldo darum bemühte, dem es weh that, wenn er wußte daß ihm jemand gram war.
Eines Mittags, als sie wieder mit der Herde heimkehrten, fanden sie die Mutter emsig beschäftigt die Hütte zu schmücken, wie zu einem Feste; auch glühten ihre Wangen vom Feuer des Herdes, auf dem sie die Beute der Jagd bereitete. "Was hast du o Mutter?" fragten eilig die Kommenden. "Ei ihr werdet es wohl erfahren, ich darf es euch nicht verrathen. Komm indeß, Aura, und hilf die Kräuter zum Salat mir lesen. Die würzigsten suche, und dann kühle und reinige sie im Bache." Aura eilte und kam bald mit den glänzenden Kräutern wieder heim, und stellte sie im schönen, runden Gefäß auf den weißen Tisch. Da trat in die Thüre der Vater, mit ihm der Sohn, Auras Bruder. - Sie eilten sich entgegen, und schon umschlang mit Bruderliebe sein Arm sie, als er Rinaldo erblickend, auf einmal zurückfuhr. Dieser erstarrte, als er seine Braut an der Brust seines Feindes sah. "Ist das der Jüngling, Vater? Nimmer werd' er mein Bruder!" rief er voll Zorn, und wandte sich plötzlich von Aura, die vom schnellen Uebergang der Freude zum Schrecken überwältigt, ohnmächtig hinsank! Ihr Bruder war ihr ein Räthsel, ach aber das Räthsel lös'te sich bald! und sie erfuhr, was sie nie geglaubt hätte, daß Duros Herz hart wie sein Name sei. Die Eltern, welche Rinaldo liebten, und wußten, wie Auras Seele an ihm hing, versuchten alles, ihn mit dem edlen Jüngling zu versöhnen; aber nichts rührte den Eisernen! er verhärtete sogar sein Herz beim Anblick ehmals so geliebten Schwester, die von innerm Grame bleich, oft in stummen Thränen vor ihm zerfloß. So beugt die zarte Lilie ihr Haupt, wenn die Mittagssonne in starker Glut ihre Strahlen wie Pfeile auf sie herab schießt. Die glänzenden Tropfen des Morgenthaus hat sie verzehret, nun saugt sie an der Wurzel und trocknet die schönsten Säfte aus, die so lieblichen Duft um sich verbreiteten! Wird kein mitleidiges Wölkchen dich schirmen vor der brennenden Glut, und wird kein Abendlüftchen dich bald anhauchen, - daß der milde Schleier der Nacht dich umwalle, und auf dem sanfteren Strahl des Mondes dir Erquickung zuschweben?
Duro verfolgte sie mit scharfen Reden. Die gingen Rinaldo durchs Herz, denn er sahe, wie sie gleich einem versengenden Mehlthau, die Rosen auf den Wangen seines Mädchens bleichten. Er entschloß sich, sein liebendes Herz zu besiegen, dem süßen Anblick und dem himmlischen Umgang mit seiner über alles geliebten Aura zu entsagen. Lange trug er diesen bittern Vorsatz mit sich umher, eh' er ihn ihr entdecken konnte. Wie ihm aber eines Abends die Wehmuth und der zurückgehaltene Zorn wider Duro zu mächtig ward, brach er sein trauriges Schweigen. Er war allein mit Aura, an einem ihrer Lieblingsplätze. Dieß war ein Hügel am Bach, den hohe Buchen umkränzten; in ihrer Mitte stand eine Birke, die mit sanftem Lispel, wenn dichtere Zweige schwiegen, ihnen unnennbare Empfindungen zusäuselte. Der Mond bebte durchs grüne Laub, und Rinaldo küßte sein blasses Bild oft in der stillen Thräne an Auras Wimpern auf. "Du sollst nicht länger um mich leiden," sagte er; "ich will den Wünschen deines Bruders zuvoreilen, und seinen Blicken einen Feind entziehen, dessen Gegenwart sein Herz nur noch mehr verhärtet. Dann aber, hoff' ich, wird es schmelzen, wie das Eis am Felsen, wenn der Winter das Thal verläßt, und dich wird wenigstens die Ruhe wieder segnen." Aura sank an sein Herz, die Rede Rinaldos drang wie ein Schwert durch ihre Seele, und dennoch durfte sie nichts dagegen antworten. Mit ihm zu fliehen hatte ihr kindliches Herz ihm versagt; wie hätte sie ihre Mutter in solche Tiefen der Angst stürzen können? Ach aber wie tödtend war der Gedanke, ohne Rinaldo zu leben! - Das wäre ja kein Leben, nur Schatten des Daseins, leer und gedankenlos! öde wie finstre Nächte! "Einst werden uns ja wieder frohe Tage lächeln, daß ich wiederkehre, um ewig ungetrennt von dir zu sein! Das darf ich von der Reinheit unsrer Liebe hoffen, auf die Gott gewiß mit Wohlgefallen herab schaut. Laß mich denn gehn, vom stolzen ruhigen Gedanken begleitet, daß ich dir deine Eltern und deinen Bruder versöhne, der soll mein Kissen des Nachts sein, und eine Stütze auf harten Wegen." So tröstete und stärkte der Edle seine Geliebte, und schweigte die Stimme seines klopfenden Herzens, das laut wider seine Rede empor schlug.
Lange saßen sie schweigend im Schimmer des Mondes, und ließen die trüben Gedanken mit den Wellen des Bachs wallen, auf den ihre starren Blicke sich senkten. "So soll ich denn den dunkeln Pfad meines Lebens allein wandeln, ungestützt vom warmen Arm der Liebe? So mögen denn meine Schritte wanken, daß ich bald sinke ins kalte Grab, wo die Ruhe mir mein Bette bereitet! die Liebe hat ihre Kammer vor mir verschlossen, ihr Lager nimmt mich nie auf; o daß uns denn der Ewigkeit Morgen bald aufginge, und wir der seligen Dämmerung entgegenschwebten, die uns jenseit dieses dunkeln Thales winket! Dort wütet kein Haß noch Trennung, nur Liebe und Unschuld wallen allda unter himmlischen Blüthen!" Athemlos umschlang so Aura ihren Rinaldo; mit heißen Seufzern segneten sie sich einander zur Trennung ein. Engel schwebten auf des Mondes Strahlen zu ihnen herab, voll himmlischer Wehmuth glänzte ihr Blick auf die Liebenden, und goß Stärkung in ihre Seelen, die sonst gesunken wären unter der Last der nahen Trennung!
In der Nacht verließ Rinaldo die Hütte. Die Seele Auras begleitet ihn. Ihr tiefsinniger Blick, der unbeweglich vor ihren Schritten starrte, verrieth den Eltern die Trennung bald, und sie sahen, daß sie nur die Hülle ihres Kindes behalten hätten, daß ihr Geist dem gefolgt war, an den unauflösliche Liebe sie band. Duro war weniger hart, doch schien es Aura nicht zu bemerken; sie entzog sich, so oft sie konnte, ihrer aller Blicken, und täglich eilte sie zum geliebten Hügel, auf dem sie ihren Rinaldo die letzten Küsse gegeben hatte, wo ihr noch die Worte seiner Liebe wie ein lindes Säuseln ertönten. Sie saß dann wie lauschend, und sann an die Tage der Freuden, die da kommen sollten, deren fernstes Dämmern sie noch nicht erblickte. Langsam und trübes Blickes ging sie dann den Hügel herab. So wallt ein einsames Wölkchen am Mond vorüber, wenn die Sommernacht Stille und Kühlung auf den glänzenden Flügeln des Thaues der Erde zusendet; der leichte Schatten schwebt über die blumigen Wiesen, wie eine Schaar tanzender Mücken über spiegelnde Teiche, wenn ein scherzender West mit schalkhaftem Odem sie vor sich her treibt, daß sie vor ihm sich im Schilfe verbergen.
Rinaldo ging indeß mit schwerem Herzen, selber nicht wissend wohin. Das Bewußtsein der edlen Selbsverläugnung ging ihm aber zur Seite, und umgab ihn wie ein starker Schild. Der Gedanke an Auras Frieden füllte seine Seele, noch mehr der, daß er gewiß in ihrem treuen Herzen lebe und ewig leben werde. Die Stimme der Hoffnung sang ihm auch unaufhörlich im Herzen, und voll süßer Wehmuth lauschte er ihren Gesängen, die ihn in süße Träume wiegten, und in die lächelnden Gefilde der Zukunft hinzauberten, in denen Aura vor ihm schwebte, und den vereinten Pfad ihres Lebens mit immer frischen Blumen bestreute. Von einer Freude zur andern eilte mit ihr sein Geist, wie die emsige Biene von Lindenblüthen zu Rosen schwebt, und immer die Lippen nur mit dem obersten duftigsten Thau netzet. - Sinnend ging er lange durch Thäler und felsige Gebirge, bis er einen Strom entlang zu einem schmalen Fußsteg kam, der ihn durch blühende Büsche zu einer kleinen Hütte führte.
Hier nahm ein freundlicher Greis ihn auf, der dort in friedlicher Einsamkeit lebte. Seine Hütte lag in der schönsten Einöde; dicht an ihr grenzte ein Buchenwald, den der Felsenstrom durchbraus'te, daß man in der Hütte sein Sausen hörte, wie die Stimme der Tannenwipfel, wo ihr Wald am dichtesten ist. Vor der Hütte hatte der Greis schöne duftende Gesträuche gepflanzt, die abwechselnd immer in Blüthen prangten. Die Felsen, aus welchen der Strom stürzte, bildeten tiefe Höhlen, in denen man die Regenbogen der Wasserfläche bei untergehender Sonne mit tausend Farben spielen sah.
Viele Tage lebte Rinaldo hier, denn der Greis gewann ihn so lieb, daß er ihn nie scheiden ließ, und ihn von einem Tag zum andern aufhielt. Auch liebt ihn der Jüngling wie seinen Vater, und er horchte mit Entzücken der Stimme seiner milden Weisheit, die wie Honig vom Felsen, von seiner Lippe floß.
Alle Morgen bestieg Rinaldo den Felsen, der zunächst an der Hütte steil empor ragte; seine Spitze umschlangen Weinranken und Geißblatt in Blumenketten, die vom Frühthau schimmerten. Auf dem höchsten Gipfel des Felsen erwartete er den herrlichen Aufgang der Sonne, mit ihm die erwachenden Vögel, die nur leise noch um ihn zwitscherten, beim feierlichen stillen Morgenroth, das in Osten heraufwallte, und noch in erquickendem Thau auf die ruhende Natur herabschauerte. So feierlich ist die erste Stunde des frommen Dulders nach dem letzten Schlummer, wenn sein Blick, in sanfte Dämmerung erst, dann in Morgenröthe gehüllt, der alles belebenden Sonne der großen Ewigkeit entgegen staunt. Jetzt stieg sie herauf! erst zitternd, dann strahlend, und nun erweckt sie die ganze Natur, die ihr wonnevoll in Millionen Harmonien entgegen jauchzt! Entzückt stand Rinaldo und schaute umher; seine ersten Blicke sanken dann ins Thal, wo die Hütte seines Mädchens ruhte, und in Liebe versunken, dachte er nur sie, die ihm wie die Sonne durch die ganze Natur in die Seele schimmerte.
Einst als er später wie gewöhnlich seine Wallfahrt zum geliebten Felsen antrat, (er hatte dem Greise geholfen die Reben der Laube zu binden) fand er, da er hinauf kam, schon die Sonne im vollen Glanz hervorgehn. Er setzte sich auf einer hervorragenden Klippe, die über das nächste Thal hing; dieß war wie eine enge rauhe Felskluft, durch die der Strom unten sich schäumend drängte: schroffe Felsspitzen stiegen an ihm auf und ab. Rinaldos Blicke sanken in diese schauerliche Tiefe, die ihn in die unendlichen Tiefen der Gedanken hinabriß, die oft in den Seelen der Liebenden sich dunklere Höhlen bilden, als die reißenden Felsenströme.
Als er so sinnend da saß, ward er auf einmal staunend gewahr, daß ihm eine menschliche Stimme in Seufzern ertönte. Er lauschte, und als sie ihm immer vernehmlicher ward, sprang er auf, und eilte dem Laute nach. Er stieg etliche Klippen hinab, ohne jemand zu erblicken. Da rief er. Eine dumpfe Antwort erscholl ihm; sie kam aus der Tiefe und flehte um Hülfe. - Er schrie ihr zu, daß er käme, und in kühnen Sprüngen, wo er immer der Gefahr wie eine Gemse entschlüpfte, war er bald unten, von wannen ihm die Stimme herauf getönt hatte. Da fand er endlich einen jungen Mann ohnmächtig, sein Gesicht war von Blut entstellt, das strömend aus den Wunden der Stirne floß. Er eilte, ihn mit Wasser vom Strome zu erfrischen, und rief die fast entflohene Seele wieder zurück. Dieser schlug die Augen auf; aber sein Blick, der auf seinen Retter fiel, den er für einen Engel vom Himmel gehalten hatte, zitterte erschrocken zurück. Er erkannte Rinaldo. Duro war der verwundete Mann, den fast die Felsen zerschmettert hatten, als er, eine Gemse in unbesonnener blinder Jagdlust verfolgend, von ihnen herabgestürzt war. Manche spitze Klippe hatte ihm verrätherisch den Arm geboten, um ihn nur tieferen und schärferen zuzusenden, bis er endlich auf einem breiteren Stein, mit kleinen Gesträuchen und moosichten Gewächsen bedeckt, liegen geblieben war.
Hier fand ihn der gute Rinaldo, erkannte aber sein von Wunden bedecktes Antlitz nicht, und er pflegte und wusch ihn brüderlich. Duro seufzte und sagte: "Ich denke, du kennst mich wohl nicht?" - Die Stimme fuhr Rinaldo durchs Herz, und sie stieß an und zitterte von den Saiten seiner Seele zurück. So erschüttert ein rauher Hauch des Windes zuerst die zarten Saiten der äolischen Harfe, bis er wie ein sanfter West, in die letzten feinsten hinüberschmilzt und in Harmonikas Tönen erklingt. Duro war verwundet, und bedurfte seiner Hülfe, das war genug, um alle Gefahren für ihn zu wagen; er war Auras Bruder, wie gern hätte er sein Leben für ihn gegeben! Auch hatte er ihn nie gehaßt, und immer gesehen, daß ihn nur leidenschaftliche Aufwallungen wider ihn eingenommen hatten, welche zu bekämpfen sein Herz zu stolz und zu schwach war.
Rinaldo bog sich mit freundlichen Blicken über ihn, und Duro sahe beschämt, welch ein edler Jüngling sein Feind war. Er suchte erst alles zusammen, um ihn auf die bequemste Art für seine Wunden fortzutragen; dann lud er ihn sanft auf seine Schultern, und ging den Strom entlang, dessen Ausfluß er kannte.
Der Weg zur Hütte war lang und eng und felsig; er suchte oft einen moosigen Stein, auf dem er den Leidenden ausruhen ließ, bis er in etlichen Stunden mit ihm zur Hütte des Greises kam. Dieser legte dem ermatteten Duro heilsame Kräuter auf die Wunden, und stärkte ihn mit erfrischender Milch, Früchten und Wein. So pflegten beide den Kranken mit treuer Sorgfalt, welche bald die Genesung herbeirief. Duro hatte seinen alten Groll vergessen und sich herzlich mit Rinaldo ausgesöhnt. Er war edel genug ihm zu gestehen, daß er sich sein selbst schäme, und seiner Verzeihung nicht werth sei.
Rinaldo war indeß selig, als umschlängen ihn schon die Arme seines Mädchens, froh wie die steigende Lerche, wenn sie im blauen Aether die leichten Schwingen badet und die freudige Seele in tausend melodischen Tönen ausgießt! Wie ein Gems eilte er seinen Felsen hinauf; es war ihm immer, als sei er da seiner Geliebten näher, und sein Geist schwebte auf den Flügeln der Sehnsucht und der Liebe vom Felsen zu ihr ins Thal. Dieß Lied sang er da leise den ersten Morgen, nachdem er Duro gerettet hatte, und die Hoffnung ihm mit Morgenschimmern, die um ihn die Felsen rötheten, ins Herz drang. Auf jungem Strahle der Frühe
Schwebe mein Liebesgruß!
Dringe durch neidische Schleier,
Lagr' auf die Rosenlippe sich,
Und entküss' ihr die Träume,
Ach die Träume von mir!
In denen ich Seliger lebe,
Den sie in Seufzern nun nennt!
Lispl' im süßen Schlummer
Zum Ohr ihr hinauf!
Nenn' ihr meinen Namen,
Hauch' in Nachtigalltönen Ruh ihr ins Herz!
Wenn sie beim sanften Erwachen
Mein dann gedenkt,
Und mit schmachtender Seele
Nach entfliehenden Träumen noch hascht;
Dann entlocke der Hütte sie,
Wie die Nachtigall
Den Geliebten dem Busch entlockt,
Daß er das Nestlein auch decke.
Staunend blicket dann Aura
In die beglänzte Natur,
Deren Fülle ihr Liebe haucht,
Denn meine Seele schwebet um sie!
In der Vögel Gezwitscher,
In dem Säuseln der Blüthen,
Im Gelispel des Baches,
Tön' ihr mein Liebesgruß!
Sing' ihr von nahenden Freuden,
Von den Knospen der Liebe,
Von dem Schimmer der Hoffnung,
Der hell auf dem Pfade zur Wiederkehr strahlt! Mit zitternder Ungeduld wünschte er dem Augenblick Flügel, der ihn, an der Hand ihres, nun auch seines Bruders, zu ihr führen sollte. In tausend Bildern erschien ihm da das liebliche Mädchen; das erste Wallen der Freude umgab sie wie ein glänzender Schleier!
Duro war nun geheilt, und durfte jetzt den Weg zur Hütte wagen; früher hatte es ihm der weise Greis nicht erlaubt, so sehr Dankbarkeit auch den Jüngling antrieb, daß er, seiner Schmerzen uneingedenk, jeden neuen Tag mit Rinaldo eilen wollte. Der Greis begleitete sie, um die schöne Braut seines geliebten Rinaldos zu sehen, und sie zu segnen. Mit der ersten Frühe gingen sie aus, und kamen, wie Aura eben mit der Herde zu Mittag heimkehrte.
Medora hüpfte ihr entgegen, und zog sie mit kindlicher Gewalt zur Hüttenthür; dann sah sie nach den Lämmern sich um, und rief auf einmal: "Sieh da! drei Männer kommen den Hügel herab; wer sind sie, o Aura?" - Aura sah hin, erkannte den Bruder - Rinaldo - und sank - doch auf der Liebe Flügel eilte er, und die Arme des Geliebten hielten die Sinkende!
Sprache! Armseliges Kleid, in das die Empfindung der liebenden Seele sich hüllen soll, wie sind deine Worte so schwach! - Wie könnten sie fassen, was in den Blicken, in der Seele Auras kämpfte! - Ihr Bruder stand gerührt über sie gebeugt, auf den Stab gestützt. Die Eltern eilten herbei, staunten und schwiegen, aber ihre Blicke forschten im Kreise umher; der Greis verstand und beantwortete sie. Da ergoß in segnenden Worten sich ihr beklommnes Herz, und sie umarmten den Retter ihres Sohnes mit dankbaren Thränen.
Aura konnte nicht reden, aber ihr Auge sagte dem seligen Rinaldo die unnennbaren Gefühle ihrer Seele, und er schwamm im Meer der Wonne, an ihrem klopfenden Herzen. Unter den Thränen hervor
Erhebe dein Haupt!
Ros' erhebe dein Haupt!
Der Gewitter Donner entrollen,
Verhallen in der Gebirge Höhlen!
Sieh' ich komme, die Freude kommt!
Auf Farben des Friedensbogens
Schwebet mein Fuß!
Sie bestrahlen die Thränen
Der matten Wimper!
Ich entküsse sie leise,
Blühe nun schöner auf!
Blicke lächelnd mich an!
Sieh' ich hebe den Schleier dir auf,
Den hüllenden Schleier der Zukunft.
Die Liebe kommt!
Die hohe himmlische Liebe!
Ihren Händen entwallen
Blumen-Kränze,
Dein sind sie, o Aura!
Ewig blühend umschlingen sie euch,
Wir netzen sie beide
Mit erquickendem Himmelsthau!
Daß sie duftender glänzen,
Immer schöner euch blühn!
In den Armen der Liebe
Ruhst du! Auf frühem Strahle
Küss' ich zu neuer Wonne,
In den Armen der Liebe,
Jeden Morgen dich wach!
* Sonnenküchlein. Vielleicht ein Provinzialwort. In andern Gegenden Deutschlands nennt man den lebhaften kleinen rothen Käfer mit schwarzen Flecken, welcher sich oft schon im März zeigt, Herrgottsvögelchen.
** Aue. Abermals ein Provinzialwort, aber ein Westphälisches. Wie kommt Psyche dazu? Aue, ein Mutterschaft. Englisch Ewe. Ich sehe nicht, wie wir des Wortes Aue in diesem Sinne entbehren könnten. Sehr poetisch wird es statt Wiese gebraucht, wo es doch entbehrlicher wäre.
*** Libelle. Unter den Namen Wassernymphe, Jungfer, ist dieses schöne Insekt wohl den meisten bekannt. Aber wenige wissen vielleicht, warum es an schönen Sommertagen so gern über Gewässern flattert, und alle Augenblicke den untern Theil des Leibes ins Wasser taucht. Dann legt es seine Eier. Aus diesen Eiern kriecht ein gefräßiges kleines Wasserthierchen. Wenn dieses die Hälfte seiner künftigen Größe erreicht hat, bekommt es Flügelhüllen. Vollkommen erwachsen, kreucht es aus dem Wasser, hängt sich an Gras oder Gesträuch, und verwandelt sich in ein schönes schlankes Insekt mit vier Flügeln. Herder hat dieses liebliche Thierchen sehr lieblich in diesem Liede besungen:
Die Wassernymphe
Flattre, flattr' um deine Quelle,
Kleine, farbige Libelle,
Zarter Faden, zartbeschwingt!
Fleug auf deinen hellen Flügeln,
Auf der Sonne blauen Spiegeln,
Bis dein Flug auch niedersinkt.
Deine längsten Lebenstage,
Fern von Freude, fern von Plage,
Hast du, Gute, schon gelebt;
Als dich Wellen noch umflossen,
Als dich Hüllen noch umschlossen,
Waren sie dir leicht gewebt.
Jetzt, nach deinem Nymphenleben,
Darfst du als Silphide schweben,
Wie weit dich der Zephis trug;
Und du eilst, mit muntern Kräften,
Nur zu fröhlichen Geschäften,
Deine Liebe selbst ist Flug.
Flattre, flattr' um deine Quelle,
Kleine, sterbliche Libelle,
Um dein Grab und Vaterland;
Eben in dem frohsten Stande,
Fleugst du an des Lebens Rande;
Ist das meine mehr als Rand?
Einst, wie dir, wird deinen Kleinen
Auch die Sommersonne scheinen,
Gieb der Quelle sie als Zoll,
Und erstirb; die matten Glieder,
Seh' ich, welken dir danieder;
Schöne Nymphe, lebe wohl!
Aus: Die Insel von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg
Leipzig 1788 (Kapitel: Aura. Eine Erzählung von Psyche) (S. 210-236)