An Fanny
Laß mich dir den fernen Tag beschwören,
dessen Stunden uns allein gehören!
Wieviel Jahre sind seitdem vergangen,
als wir unser Leben angefangen!
Siehst den See du noch, den, tief verschwiegen,
einst in Gipfelnähe wir erstiegen?
Lag's nicht so vor uns, ein stiller Weiher,
eingehüllt in lichte Morgenschleier?
Alles war dem blinden Blick verborgen:
Glück und Leiden, Seligkeit und Sorgen.
Wallend hat das Dunkel sich erschlossen,
seine Gaben ohne Wahl ergossen.
Und wir haben sie dahingenommen,
dankbar oft und manchesmal beklommen.
Aber Wunder, unter seinem Siegel,
was er bot, behält derselbe Spiegel.
Was in Wirklichkeit hervorgegangen,
hat er als getreues Bild gefangen.
Und wir schaun es wieder in dem Weiher,
der sich langsam hüllt in Abendschleier.
Laß mich dir den fernen Tag beschwören,
dessen Stunden uns allein gehören!
Aus: Richard von Schaukal Gedichte
Pierrot und Colombine oder das Lied von der Ehe
Junge Sehnsucht / Einkehr/ Herbsthöhe / An der Schwelle
Albert Langen Georg Müller München Wien 1967