Zwischen Sommer und Herbst

 
. . . Wenn Sichel und Sense durch das Korn rauschen.
Jenes leise Dengeln am Abend . . scharf, hart, und doch,
ich weiß nicht: müde, wie Reue, wie heimliches Weinen! . .
und ein Paar Schnitterinnen, auf dem Heimweg,
über die Felder hin, ein Lied singend .. .

"Du bist der scheidende Sommer, ich bin der sterbende Wald"
Nach Heine.

Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, auch für dich,
da die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne,
und die Rosen in heimlicher Sehnsucht dein Sonnenstrahl nachflattern,
der da mit müder Hast sich durch das Laubgehänge
zum Park hinaussucht, als flüchte er vor dem Spott des Satyrs Herbst,
der grinsend am Torgitter lehnt ... die Zeit, da das Lied des Vogels
stille geworden in den Wipfeln und die Wälder schweigsam
und reglos stehen in nebelspinnender Dämmerung.

Noch zwar leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht,
mit glühender Wange, mit bebender Lippe und schwellender Brust,
berückend, liebeverlangend, verführerisch,
schön . . schön . . wie du mir entgegentratst, Marie-Anne:

morgens, wie das Frührot den Tag erweckt: frische Blumen in der Hand,
vorm Fenster gepflückt, verzehrende Glut im dunkeln Auge,
verhaltene Leidenschaft in der Stimme,
mit wogender Brust, traumglühend, sehnsuchterregt,
liebeverlangend, verführerisch, schön . . schön . . .
wie du ... wenn du von Mondlicht überflutet,
im verschwiegenen Zimmer, die weißen Arme um mich schmiegtest
und der Duft deines Körpers wie sengende Lohe in mein Blut zischte …
noch leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht . . .
vielleicht kommt aber doch einmal die Zeit, auch für dich,
da die Gärten im Schatten liegen und die Rosen der Sonne nachflattern,
Marie-Anne!

Denkst du noch jener ersten frühen Zeit . . .
ehe jene Stunden kamen am See . . . wie glücklich wir zusammen!
fröhlich und selig wie Kinder, über nichts jubelnd und jauchzend?!

Denkst du noch jener Abende dann, da wir, die Arme umeinander,
die Gartenhalde entlang gingen, beim Aveläuten
vom Tal her . . und das Märchenweben der Sommernacht
mit seiner stummen Sehnsucht uns überglühte,
dass Lippe sich auf Lippe verlor
und kaum satt zu werden vermochte in seligem Durst?!

Denkst du noch, wie glücklich wir da waren, damals . . .
und dann. . nachher. . bis jene Stunden kamen am See ? !

Und es könnte noch so sein, es könnte noch sein, wie es war!
denn noch leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht . . .
wenn du nicht müde wärest und verdrossen und. .
lächeltest . . jenes feine, schmerzende Lächeln verglühter Leidenschaft . .
wenn ich, wie sonst deine Hand einmal nehme
und an die Lippen drücke oder . .
allzu stürmisch vielleicht, . . meinen Arm um deinen Hals schlingen möchte . .
ich täte dir weh! sagst du, und ... und . .
"es ist so schwül und schwer und ich bin müde!"

Ja. . ich tue dir weh! und es ist so schwül und schwer und du bist müde! ...
sommermüde ! ...

Sichel und Sense rauscht durch Korn
und wie windvertragenes Dengeln klingt es herüber,
scharf und hart, halb Reue, halb Sehnsucht, wie heimliches Weinen . . .
und die Glockenlaute vom Tal her. . wie ein Aveläuten unserer Liebe!

Was ich auch tue, ich tue dir nichts zur Freude, ich tue dir nichts mehr zu Dank ! . . .

Vielleicht aber kommt doch einmal die Zeit,
auch für dich, da die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne,
und du zurückdenkst an deinen Weggenossen von einst,
dem nichts zu viel war für dich und der da sorgte für dich,
wie ein Vater für sein Kind und der an dir hing,
wie ein Kind an seiner Mutter, . .
den du aber . . laufen ließest,
wie man einen laufen lässt, dessen man eben müde geworden. .

vielleicht kommt doch einmal die Zeit,
da du siehst, was du verloren, da es dir leid tut, nicht froher gewesen zu sein,
da dich ein Heimweh überschleicht nach jenen Tagen unseres Kinderglücks
und du wie die Rosen mit heimlicher Sehnsucht
dem Sonnenstrahl nachflattern möchtest,
der mit müder Hast durchs Laubgehänge sich zum Park hinaussucht,
als flüchte er vor dem Satyr am Torgitter . .

die Zeit, da das Lied des Vogels stille geworden ist
in den Wipfeln und die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne!

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921

Collection: 
1921

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