Zürne nicht!

by Friedrich von Bodenstedt (1819–1892) · 1867 German

Anmuth gürtet deine Lenden,
Schönheit blüht um deine Glieder;
Schultern, die vor Weiße blenden,
Ziehen dunkle Locken nieder.
Wenn in deine Zauberkreise
Mächtig mich dein Auge zieht:
Zürne nicht, daß ich dich preise,
Hochbeseligte! im Lied.

Wenn der junge Frühling wieder
Kommt im blumigen Gewande,
Läßt er auch durch frohe Lieder
Laut verkünden durch die Lande,
Daß von Winters Schnee und Eise
Drangvoll sich die Erde schied -
Zu des Frühlings Ruhm und Preise
Singt die Nachtigall ihr Lied!

Mit den Füßchen, den behenden,
Bist du mir in's Herz gesprungen,
Hast mit deinen zarten Händen
Meine ganze Kraft bezwungen,
Daß ich gerne die Geleise
Kalter Bücherweisheit mied:
Zürne nicht, wenn ich dich preise,
Hochbeseligte! im Lied.

Mir das Lieblichste erwähl' ich
Anzubeten und zu loben,
Wer hier strauchelt, der wird selig,
Wer hier fällt, der wird erhoben;
Der ist nicht der rechte Weise
Der nicht vor der Schönheit kniet -
Zürne nicht, wenn ich dich preise,
Hochbeseligte! im Lied.

Aus: F. Bodenstedt Gesammelte Schriften.
Gesammt Ausgabe in zwölf Bänden.
Neunter Band Berlin 1867 Verlag der Königlichen
Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker) (S. 188-189)

More poems by Friedrich von Bodenstedt

  • Die Rebe dehnt sich sonnenwärts

    Die Rebe dehnt sich sonnenwärts,
    Nach Liebe sich das Menschenherz:
    Wem Licht und Liebe bleibt verloren, …
  • Ich suche durch Mühen

    Ich suche durch Mühen
    Meine Gedanken
    Von Dir zu lenken, …
  • Wir wandeln Alle den Weg zur Gruft

    Wir wandeln Alle den Weg zur Gruft
    Im Kampf mit Sorg' und Erdennoth,
    Wir athmen Alle dieselbe Luft, …
  • ***

    Gern schau ich in's dunkle Auge dir,
    Mit den langen, seidnen Wimpern drauf -
    Aus solches Auges Nacht ging mir …

All poems by Friedrich von Bodenstedt →