XXXIX. Klag über den Neyd von seinem lieben

by Georg Greflinger

1.
Wie überwol ist der daran/
Der nach belieben lieben kan/
Der mit der Liebsten Freundligkeit
Verkürtzen kan die lange Zeit.

2.
Der ohne Haß bey jhr kan stehn/
Und nicht/ wie ich/ vorbey muß gehn/
Der ohne Neyd ihr Mündlein drückt/
Und nicht wie ich viel Seufftzer schickt.

3.
Ich fühle wie er sey daran/
Der sie nach Willen lieben kan.
Dann wann ich sie nur sehen mag/
So hab ich einen Freuden Tag.

4.
Was ist es eine grosse Pein/
Wann lieben nicht geübt darff seyn/
Da es im Hertzen fäste sitzt/
Den Sinn nach Gunst um Gunst erhitzt.

5.
Das Hertze wallet mier und dier/
Und reisst sich bald mit Macht herfür/
Seh ich dich an/ du wieder mich/
Und darff dich nicht besprächen dich.

6.
Ich muß mich stellen auff den Schein/
Als wär ich nimmermehr nicht dein/
Ich muß dich lassen ungegrüsst/
Wie lange dann noch ungeküsst!

7.
Ich werffe heisse Strahlen auff/
Und lasse desto freyern Lauff
Den Sinnen/ denen du gegrüsst/
Und immerdar geküsset bist.

8.
Der Neyd mag üben/ was er übt/
Du bleibst mier doch/ ich dier geliebt.
GOtt/ dem ein treues Hertz bewust/
Veränder' unsre Last in Lust.
(pdf. S. 74f)
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