Weltweisheit

by Frank Wedekind

[29] Weltweisheit Wir waren Philister und merkten es, wie Die Kräfte des Geistes erschlafften; Da warfen wir uns auf die Philosophie, Die tiefste der Wissenschaften.

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Da haben wir gründlich uns eingeprägt

Die Sprüche der großen Gelehrten; Und was man im Fleisch und im Blute trägt, Das weiß man dann auch zu verwerten. Erschöpfe die Stunden, genieße die Zeit,

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Laß Katzen und Hunde verzagen.

Die Reue, den Fluch und die Niedrigkeit, Wir lernten es stoisch ertragen. Als Stoiker lebten wir über Tag, Kein Staubgeborner stand höher;

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Doch wenn die Nacht auf den Bergen lag,

Dann wurden wir Epikuräer. So flossen die Jahre der Jugend dahin, Die Schöpfung ein blühender Garten, Mit duftigen Blumen und Mädchen darin

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Von allen exotischen Arten.

[30] Und wenn uns dann schließlich die Kraft gebricht, Zu frönen unsern Gelüsten, Dann beugen das Haupt wir noch lange nicht, Dann werden wir Pessimisten.

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Dann spotten wir über die eitle Welt,

Und der Menschheit kleinliches Trachten, Dann lernen wir, was uns zu sauer fällt, Aus tiefster Seele verachten. Dann hebe die Schwingen, Phantasie,

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Zu jenen himmlischen Höhen,

Zu jenen Gegenden, die noch nie Ein sterbliches Auge gesehen. Dort, wo ein rosiges Morgenrot Den fernen Äther entzündet,

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Hat sich Frau Eva nach ihrem Tod

Ein neues Eden gegründet. Es scharrte mein Musengaul vor der Tür, Da bin ich aufgestiegen, Da flog ich, Liebchen, zu dir, zu dir,

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In deinen Armen zu liegen.

Und als ich mich sonnte in deinem Blick, War Angst und Not verschwunden. Da hab’ ich das irdische Liebesglück Weit süßer als je gefunden.

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[31] Das Eis zerschmolz, das Herz ward weit

Und jubelte Frühlingslieder. Und mit der jungen Begehrlichkeit Kam die junge Gesundheit wieder. Laut jauchzt’ ich auf aus voller Brust:

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O laß mich bei dir bleiben,

In deiner unvergänglichen Lust Auf ewig mich zu betäuben. Da kracht der Himmel, die Erde bebt Es donnert die Atmosphäre,

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Und meine sündige Seele verschwebt

In duftige, luftige Leere.

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