Vor Tag
Nun liegt und zuckt am fahlen Himmelsrand In sich zusammgesunken das Gewitter. Nun denkt der Kranke: »Tag! jetzt werd ich schlafen!« Und drückt die heißen Lider zu. Nun streckt
Nach kühlem Frühduft. Nun im stummen Wald Hebt der Landstreicher ungewaschen sich Aus weichem Bett vorjährigen Laubes auf Und wirft mit frecher Hand den nächsten Stein
Und graust sich selber, wie der Stein so dumpf Und schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser, Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nach Ins Dunkel stürzen, unteilnehmend, wild
Der Heiland und die Mutter leise, leise Sich unterreden auf dem Brücklein: leise, Und doch ist ihre kleine Rede ewig Und unzerstörbar wie die Sterne droben.
Und sieht sie an, und: »Ach, mein lieber Sohn!« Sagt sie. – Nun hat der Himmel mit der Erde Ein stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann geht Ein Schauer durch den schweren, alten Leib:
Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. Nun Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett, Läuft wie ein Schatten, klettert wie ein Dieb Durchs Fenster in sein eigenes Zimmer, sieht
Vor diesem blassen, übernächtigen Fremden, Als hätte dieser selbe heute nacht Den guten Knaben, der er war, ermordet Und käme jetzt, die Hände sich zu waschen
Und darum sei der Himmel so beklommen Und alles in der Luft so sonderbar. Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.