VI.

by Wilhelm Hertz (1835–1902) · 1859 German

VI.
Ich bin erwacht von wilden Träumen,
Du aber schlummerst sanft und mild.
Schon will ein Grau die Wolken säumen,
Doch schweigend liegt noch das Gefild.

Da ruht dein Leib! – In sanfte Wellen
Ist aufgelöst der Glieder Pracht,
Die freien Locken überquellen
Des Busens Glanz mit Wolkennacht.

Noch schmieget sich an deine Wangen
Ein lächelndes Erröthen an;
Denn wo ein Glück vorbeigegangen,
Da zeichnen Rosen seine Bahn.

Vom Himmel naht ein leises Rauschen,
Der Frühling wandelt durch die Welt;
Dein süßes Herz laß mich belauschen,
Das hat ein schön'rer Lenz geschwellt!

Schon drängt er seine Blüthenfülle
Auf dein erglühend Angesicht,
Und deiner Augen zarte Hülle
Durchbricht sein morgenhelles Licht. –

Blick' auf, mein Lieb! die Wolken prangen,
Horch auf! die jungen Stürme weh'n;
Dein blühend Herz halt' ich umfangen, -
O laß mich deine Augen seh'n!

Du schlägst sie auf und senkst sie wieder,
Der Morgen röthet das Gefild. -
So drückte an die heißen Glieder
Pygmalion sein Marmorbild! (S. 15-16)

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