Venus Anadyomene

by Richard Dehmel

  Das ist die alte Stimme wieder, aus langen Träumen jung erwacht; sie sang die allerersten Lieder, trunken und schüchtern, – sie singt und lacht:

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     „Ueber dem grünen Roggenmeere

     wiegte die Glut zwei Pfauenaugen,      blühend roch die brütende Leere;      tief im grünen Roggenmeere      lag ein Knabe mit blauen Augen.

10
Das war, als du noch Fehle hattest,

noch alte Furcht und fremde Scham, als du noch keine Seele hattest, die nur aus Deinem Blute kam.      Aber du sahst die Falter leuchten,

15
     mit flackernden Flügeln bunt sich greifen;

     träumte dir von zwei dunkelfeuchten      Augen, und die sahst du leuchten      unter bunten, flatternden Schleifen. [205] Das war die Zeit des Schaums der Säfte,

20
die Aehren stäubten gelben Seim,

vieltausendjährige Ueberkräfte erregten schwellend einen Keim;      ahntest unterm andern Kleide      andre nackte Glieder klopfen,

25
     deine Hände flackerten beide,

     in die einsam heiße Haide      quoll ein erster Samentropfen. Das that die Sehnsucht dieser Erde, die opfernd um die Sonne schweift;

30
sie sprach das allererste Werde, –

beichte! die Sprache der Mannheit reift.“

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