Trutzlied

by Karl Stieler (1842–1885) · 1908 German


Es trutzte Kunrat: "Hiltegund,
Des mußt du dich bequemen:
Und hieltst du im Arm mich hundert Stund',
Mich solltest du nimmer zähmen!

Frei will ich zieh'n wie Hirsch und Reh
Und trutzig will ich bleiben,
Viel lieber weil' ich um Berg und See
Als neben holden Weibern."

Da lächelt leis schön Hiltegund:
""Es ist mir oft gediehen,
Daß in der Mondnacht Hirsch und Reh
Vor meine Hütte ziehen

Und weiden gar aus meiner Hand -
Auch sonder Arg und Bangen
Den scheuen Specht im Tannengrund
Hab' ich gelockt und gefangen.

Und zähm' ich dich nicht in meinem Arm,
So sei dir, wilder Geselle,
Wohl hundertmal mein Arm versagt, -
Dann zähm' ich dich wohl schnelle!""

Da küßt er sie auf den roten Mund,
Der war wie ein süßer Bronnen,
Und lachend rief er: "Hiltegund,
Fürwahr, du hast gewonnen!"
(S. 167-168)

More poems by Karl Stieler

All poems by Karl Stieler →