Traumbild

by Isabelle Kaiser (1866–1925) · 1917 German

Nächtlich trat ich in das Zimmer,
Wo mein Freund am Schreibtisch stand.
Leuchtend fiel der Lampenschimmer
Auf mein festliches Gewand.

Mahnend legt' ich meine Hände
Auf des Denkers müdes Haupt:
"Ist die Arbeit nicht zu Ende,
Die dich mir so lang' geraubt?"

"Sieh, das Leben geht vorüber,
Ungenossen bleibt die Lust,
Unser Blick wird trüb und trüber,
Ruh dich aus an meiner Brust."

Langsam hob der Freund die Lider,
Sah mich an und sprach kein Wort.
Schauernd zog's durch meine Glieder,
Und still weinend ging ich fort. (S. 21)
_____

More poems by Isabelle Kaiser

  • Abschied

    Tief im Winterrahmen
    Leuchtet mir dein Bild.
    Als wir Abschied nahmen, …
  • Ahnung

    - Und jäh durchzuckt ein Angstgefühl
    Mein Herz - wie soll ich's nennen?
    Der Wind so kalt, das Grab so kühl, …
  • Alte Weise

    Ich spiel' die alten Lieder
    Aus sehnsuchtsheißem Drang -
    Da hör' ich plötzlich wieder …
  • Brief

    Nicht ungeschrieben soll es bleiben,
    Kommt es auch nie in deine Hand;
    Was ich verschwiegen, laß mich schreiben, …

All poems by Isabelle Kaiser →