Sonett CXV.
Es lügt das Wort, das einst ich dir geschrieben: „Nie könnte heißer meine Liebe sein!“ Ich wüßte nicht, welch Grund mir sei verblieben, Daß meine Flamme glüh’ mit hellerm Schein.
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Doch wenn die Zeit, an Zufallslaunen reich,
Gelübde bricht und fürstlich Machtgeheiß, Schönheit zerstört, das Spröde machet weich, Und starren Sinn entführet dem Geleis: Ach! soll ich, fürchtend die Gewalt der Zeit,
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Denn sagen nicht: „Nun lieb’ ich dich zumeist!“
Versichert ihrer Unbeständigkeit, Nicht krönen heut’, was Morgen mir entreißt? Lieb’ ist ein Kind, es hört auf Schmeichelwort, Durch Reden leicht gedeiht es fröhlich fort.