Selig glaubst du dich Mensch

by Paul Haller

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Selig glaubst du dich … Selig glaubst du dich, Mensch, Leidiger Sehnsuchtsnarr, Der die Geißel der Unrast Wütend schwingt auf sich selbst,

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Aufgeblasen zum Gott,

Sich selbst zum blutigen Opfer peitscht; Dem kein Bett in den Wolken, Kein Ruhplatz winkt in der Tiefe, Draus nicht die brennende Jagd

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Mit bellender Meute sich selbst hetzt –

– Selig, wenn von der Flur Sonniger Kindheit ein Strahl Tröstlich herüber irrt, Wenn auf des Mannes Stirn,

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Die Brände zu kühlen,

Tau deiner kindlichen Nächte fällt. Trug und Verhöhnung dein Trost. An schwarzer Kette geboren Naht die schwärzeste Stund,

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Da der spiegelnde Brunnen,

Müde des täuschenden Spiels, Deinem fragenden Blick Ungeheuer entgegenspeit Und eisiges Wahrbild.

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Grausend schrickst du hinweg,

Heimatlos, Die Wüste dein Ruhplatz. Disteln starren und Kaktus, Dein Fuß tritt in Dornen,

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Schlangen lauern geballt,

Um dich stählernes Schweigen, In dir glotzende Augen, Wahrheit und – Ende. Hör’ ein Geheimnis: im Ende

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Regt sich der Anfang.

Hinter brechenden Wolken Wölbt sich silberne Bläue, Es wallt in der Tiefe, die Wüste Staunt lachend auf springende Quellen.

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Es keimen die Breiten,

Es grünen die Weiten, Hoch kämpft ein junger Flötenton – Ein Kinderjubel schlägt sich Bahn; Aus grünem Kreis bricht’s toll heran,

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Ein schlankes Glied, ein junger Mund,

Ein tausendfach bewegtes Rund, Und aus dir selber klingt’s und schreit Wie nie verwelkte Ewigkeit: Es ging ein Kind verloren;

50
Nun schlägt es neu geboren

Zu Leid und Glück und Kämpferlauf Die ungetrübten Augen auf.

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