Selbstzersetzung

by Frank Wedekind

[98] Selbstzersetzung Hochheil’ge Gebete, die fromm ich gelernt, Ich stellte sie frech an den Pranger; Mein kindlicher Himmel, so herrlich besternt, Ward wüsten Gelagen zum Anger.

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Ich schalt meinen Gott einen schläfrigen Wicht;

Ich schlug ihm begeistert den Stempel Heillosen Betrugs ins vergrämte Gesicht Und wies ihn hinaus aus dem Tempel. Da stand ich allein im erleuchteten Haus

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Und ließ mir die Seele zerwühlen

Von grausiger Wonne, von wonnigem Graus: Als Tier und als Gott mich zu fühlen. Auch hab’ ich, den mördrischen Kampf in der Brust, Am Altar gelehnt, übernachtet,

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Und hab’ mir, dem Gotte, zu Kurzweil und Lust

Mich selber zum Opfer geschlachtet.

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