Radbod

by Heinrich Kämpchen

[60] Radbod.  (Ein Nachtstück.) Dräuend, ein Ungetüm, Reckt der Schachtturm seine Eisenstirn Zum Nachthimmel. – Um ihm, von ihm

5
Glimmt’s wie Totenlicht,

Wie Phosphorgefunkel, Wie Dunst der Verwesung. – Ein Beinhaus - riesig, ungeheuer – (Sarkophag und Mausoleum)

10
Liegt der Schacht da,

Und die Nacht hockt darauf. – Sie, die Nacht, Wittert den Leichenduft, Der daraus emporsteigt,

15
Feucht, nebelhaft,

Wie die Hyäne den Grabesodem, Und schlürft ihn mit Wollust. – Radbod und Nacht! – Grauen zu Grauen,

20
Sie gatten sich. –

[61] Und die Fäule im Erdbauch, Als Genossin sich zugesellend, Speit ihren Gifthauch Aus Kluft und Spalt –

25
Odeur für Gespenster. –

Aber das ist es nicht, Was die Nacht birgt Mit ihrem Mantel, Dem dichten. –

30
Sie, die da unten liegen,

Unter Trümmern und Schutt, Die Toten von Radbod, Sind doch nicht tot! – Wenn der Tag schläft,

35
Wenn die Nacht brütet,

Bei Schweigen und Oede Werden die Stimmen der Tiefe wach, Leben die Toten. – Sie winseln und wimmern nicht,

40
Sie klagen und jammern nicht,

Sie heischen Gericht, Sie fordern Sühne. – Und immer neu Und immer wieder,

45
So lange ihr säumet,

Wird aus der Tiefe Die Mahnung kommen: Gebt Recht den Toten! – – – – – – – – – – – – So ruft es heute,

50
So wird es immer

In Zukunft rufen, Wenn auf dem Schachte, Dem gottverfluchten, Dem „Mörder“ Radbod,

55
Die Nacht sich lagert,

Die graue Riesin: Gebt Recht den Toten! –

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