Osterspaziergang

by Johann Wolfgang Von Goethe

[63] Faust. Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche, Durch des Frühlings holden, belebenden Blick, Im Thale grünet Hoffnungs-Glück; Der alte Winter, in seiner Schwäche,

5
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes,

10
Ueberall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlts im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen

15
Nach der Stadt zurück zu sehen.

[64] Aus dem hohlen finstern Thor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feyern die Auferstehung des Herrn,

20
Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbes Banden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge,

25
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht. Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt, Wie der Fluß, in Breit’ und Länge,

30
So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an.

35
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volkes wahrer Himmel, [65] Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s seyn.

More poems by Johann Wolfgang Von Goethe

All poems by Johann Wolfgang Von Goethe →