Nach einem Jahre
[086] Nach einem Jahre Den wir in langen, kampfbewegten Tagen, Als sei er eingewiegt in tiefen Schlummer, Halb unbewußt mit uns herumgetragen, Heut ist er aufgewacht, der schwere Kummer.
Dem Macht aufs neue über uns gegeben Am Todestag des treuen, tapfern Mannes, Der ein Soldat der Freiheit war im Leben. Durch jedes Herz ging damals kühler Schauer,
Tief, ehrlich, echt war unsres Volkes Trauer Und seine Klage um der besten einen. Doch erst allmählich konnte man erfassen, Was in dem kühnen Manne wir verloren,
Zum Führer sich von Anbeginn erkoren. Und keine Zeit wird diesen Kummer lindern, Den bei dem Tod des Tapfern wir erfahren. Wir übertragen einst ihn unsern Kindern,
Ein Liebling seines Volks war Liebknecht immer, Das staunend sah sein heldenhaftes Streiten, Doch um sein Bild wird der Verklärung Schimmer Erst nach und nach verschönend sich verbreiten.
Die Lebenstage, die ihm zugemessen; An seinem Grab ist Jammern und Gedränge, Doch nach drei Tagen schon ist er vergessen, [087] Und vor dem Denkmal, das sie ihm erbauen,
Niemand verlangt danach, es anzuschauen, Und kalt und fremd geht man an ihm vorüber. Das Denkmal aber, das im Volksgemüte Ein Mann, wie unser Toter, sich errichtet,
Und mit Gewalt selbst wird es nicht vernichtet. Ob es auch nicht in Gold und Marmor glänze, Ob keine Meister man zum Bau berufen – An jedem Morgen liegen frische Kränze
Das ist der Trost bei unsrer Totenklage Vor seinem Hügel, aufgehäuft aus Erde, Daß tief sein Bild das Volk im Herzen trage Und daß es niemals ihn vergessen werde,
Um Kopf und Arm dem ew’gen Recht zu weihen Und daß sein Geist in uns lebendig bleibe, Voran im Kampfe schreitend unsern Reihen.