Nächtlich Verlangen

by Karl Henckell (1864–1929) · 1921 German

Ach, fänd ich Ruh!
Die Hähne krähen.
Mein Leib ist wach zum Weibe,
Mein Geist zu Gott -
Wer will denn helfen?
Und Gott ist das Weib,
Und du bist Gott, Geliebte,
Meine Seele zittert euch beiden.
Über dem dunkeln Bergwald
Hellblau
Dämmert der Morgen empor.
Es hämmert mein Herz,
Es sucht mein Auge,
Meine Lenden glühen,
Und auf schwellenden Wogen des Wahnes
Schwimmt sehnend mein Sinn
Zum bräutlichen Liebeslager,
Fernher schimmern deine schwanenzärtlichen Brüste.
Gott atmet Frühluft,
Ich sauge gierig,
Zum Fenster reck ich meine Nachtheit,
Meine Stirn ist Feuer,
Mein Mund verschmachtet um Liebe.
O Liebe, o Gott!
Nun zwitschern die Vögel …
Mein Nest ist einsam.
Ich finde keine Ruhe,
Die Hähne krähen,
Sehnsüchtig läutet und klagt das Morgenglöcklein,
Es tagt,
Und Licht klimmt über die Matten. (S. 79-80)

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