Morgenritt

by Theresa Gröhe (Ps. T. Resa) (1853–1929) · 1900 German

Sie ritten zur Jagd vor Tag und Tau
Den Edelhirsch zu erlegen,
Durch Schatten-Alleen, dämmerblau,
Dem schweigenden Wald entgegen.

Vorbei am schlafenden Grafenschloß,
In wildem fröhlichen Reiten -
Nur Einer - der Schönste vom ganzen Troß,
Ließ zögernd sein Rößlein schreiten.

Zum Erker empor klang leis' sein Ruf -
Seine dunklen Augen flammten,
Da fiel, vor des bäumenden Rosses Huf,
Eine Rose, purpursamten.

Ein Riegel klirrte - leicht huschte ein Schritt,
Goldhaar floß leuchtend im Winde,
Von seines Rößleins Rücken glitt
Der selige Reiter geschwinde.

- - - - - - - - - - -
Die wilden Hirsche schrieen im Grund,
Die Nebel wallten und woben -
Heiß glühte ein roter Frauenmund
In dämmernder Parknacht droben.

Die blassen Violen dufteten stark
In bröckelnden Marmorvasen.
Das Rößlein weidete tief im Park
Auf regennassem Rasen.

Aus schauernden Wipfeln der Frühtau rann,
Herbstblätter taumelten nieder,
Verwehten Hornruf, dann und wann,
Gab süß das Echo wieder.

- - - - - - - - - - - -
Auf schimmerndem Goldhaar plötzlich weckt
Ein Lichthaar sprühende Funken -
Der Jäger fährt auf - verwirrt, erschreckt -
Von Küssen heiß und trunken.

Zu Pferd - zu Pferd! Der Morgen erwacht,
Der Himmel steht tief in Gluten,
Es bricht durch schattender Wipfel Nacht
Das Licht in blendenden Fluten. -

Dem Jäger wird - er weiß nicht wie?
Sein Hifthorn hebt er zum Munde,
Hell klingt sein jauchzendes Halali
Über dem sonnigen Grunde. (S. 5-6)
_____

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