Mondnächte

by Richard Dehmel

[102] Mondnächte.                     I. Damals, Seele, ja; ich war ein Kind – und das alte Forsthaus dumpf und eng. Und in hellen und in dunkeln Nächten, wenn ich so am Kammerfenster stand

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und die großen Eichen schwarz erschauern hörte,

wurde mir das Dach noch dumpfer. Denn immer sah ich, drüben, drüben fern,

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wo aus der Waldnacht um die Felder

die Eine hohe Kiefer in den Himmel horchte, immer ruhte dann da drüben durch die Wolken jener weitgewobne Schimmerkreis.

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Und in bleichen Nächten

war er blaß und flehend wie ein Heiligenschein, aber in den grauen tröstlich blau und schirmend

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wie der Glanz von einem klaren Stahlschild

oder mild und gelb wie Kronengold; und ich wollte König werden. Meine Mutter aber sagte mir’s, dort lag Berlin ...

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[103] Damals wußt’ich nicht, warum mir bangte,

als sie mir die Stirne küßte. Dort lag die Lichtstadt und straalte ... Heute ist auch Nacht;

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der Mond will in mein Fenster,

und ich sehe über tausend Dächer. Im schweren, weichen Schnee ruhn und horchen mit verhaltnem Atem die Schatten der Stadt.

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Bis in den blauen Silberschein der Ferne

schwillt in langen Falten weiß und zart die sanfte Decke hin, wie über die Kissen eines Täuflings.

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Die aber, die darunter schlafen –

und wachen? – – Schwarz und scharf stechen die Türme, Kirche neben Kirche,

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in den kühlen Himmel;

stahlspitz flittert ein Glanz um die finsterhohe Kuppelkrone jenes Palastes, und über einem dicken Schlote

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stockt ein Schild von Qualm.

Jetzt, unten an der Ecke drüben, wo eine Gaslaterne trübgelb mit dem Mondlicht kämpft, schimpft ein frierender Schutzmann

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ein betrunknes Straßenmädchen aus.

Seele, ja: da liegt Berlin ...                     II.    [104] Der Nebel staut sich, Hütten dunkeln,

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Dorfgiebel fliegen über Lichtern hin,

noch bleicher wird die Nacht; die jagende Wagenkette, schwenkend, strafft sich, die Maschine heult Warnung,

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und vorbei.

Ein entlaubter Kirchhof, und wieder kreisen um mein klirrendes Fenster die toten Wiesen,

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huschen Büsche,

eilt der fahle Streifen Horizont auf den kriechenden Wäldern lang; mich fröstelt. Drei Monate:

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da war die Mondnacht warm und anders.

Wie auf Wolken trug der kleine Kahn des stummen Fischers uns den Strom hinab, selbst die Schatten gaben Licht;

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an meiner Seite saß ein Freund,

und ich sagte ihm alle meine Sünde – und ihr Glück. Und über ihrem Giebel, unterm Baldachin der Königspappel,

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als wir durch die Brücke bogen,

stand groß und strahlend, wie in einem Tabernakel, der goldne Mond [105] und neigte flimmernd auf das Moos des Daches

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sein grünes Haar.

Gestern aber, als ich Abschied nahm: „Mein Fräulein, Glück?“ – Und jener Freund dachte wol schon damals: du Tropf und Schuft!

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Mein Fenster schwitzt;

das kühlt die Stirne; gleich und gleich gesellt sich gern. Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul bleich ins bleiche Feld;

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ein Dornbusch zerreißt ihn.

Jetzt: dort starrt, wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf, der grelle Vollmond durch die kahlen Birken; die Zacken weichen,

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mit seinen langen blassen Füßen

läuft er auf den blanken Schienen meinen rasenden Gedanken nach.

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