Mond und Schnee

by Katharina Diez

Mond und Schnee, wie lieblich fließet Euer sanfter Schein zusammen! Stundenlang kann ich versenken Aug' und Seele in die weißen Lichtumflossenen Gefilde; Doch ich hab' die stille Wehmuth Manchmal nicht gewußt zu deuten, Die aus ihnen mir entgegen Wehet, wie ein leiser Zauber. Heute, als ich stand am Fenster Und in meinen Garten schaute, Dessen weiß bereifte Bäume, Feenhaft im Glanz des Mondes, Wiegten ihre Silberzweige, Schwebte zu mir ein's der Elfchen, Die so oft mir Märchen bringen Aus den hohen schlanken Wipfeln. Mit dem kleinen Lilienfinger Klopfte leise an das Fenster Mir das goldbeschwingte Elfchen: Oeffne mir! so sprach es bittend, Und wie schnell hab' ich geöffnet! Von den Flüglein erst behutsam Schüttelte die feine Kleine Ab des Schnees kalte Flöckchen, Dann herein in's warme Stübchen Huschte sie und wohlgefällig Ließ sie zwischen duft'gen Blumen Sich zu meinen Füßen nieder, Und da hat sie mir vertrauet Das Geheimniß, das so innig Mond und Schnee zusammen einet. Also sprach die kleine Elfe: In dem Paradieses-Garten Blühte eine selt'ne Blume, Weiß und zart und glänzend schimmernd Wie der Cherubinen Flügel, Und gleich einer Weihrauchwolke Wallten ihres Kelches Düfte, Liebe spendend, Liebe hauchend. An dem blauen Saphir-Thore, Das verschließt den sel'gen Garten, Stand die schöne weiße Blume, Und wenn Nachts die Sterne zogen In des Himmels weite Auen, Reich geschmückt, im prächt'gen Reigen, Grüßten freundlich sie die Zarte, Und es hätte Mancher gerne Länger wohl bei ihr geweilet Und von Liebe ihr geflüstert; Aber keiner von den vielen, Glanz geschmückten, prächt'gen Sternen, Rührte meine schöne Blume. Nicht der Hesperus mit seinen Sanften schwärmerischen Augen, Nicht Orions Strahlenkrone, Nicht des Schwanes Melodieen, Nicht der Dioskuren Treue. Machtlos senkte seinen Scepter, Jupiter, der Glanz gekrönte, Und die herrlichen drei Könige Legten ach, umsonst ihr Opfer Zu den Füßen ihrer Schönen. Einem, einem nur erschlossen War die reiche Blumenseele, Einem nur, dem stillen Monde Galt des schönen Hauptes Neigen, Und der Mond, er neigte wieder Huld'gend sich der weißen Blume, Auf die zarten keuschen Lippen Drückte er den Kuß der Liebe, Manche stille Nacht belauschte Das Geheimniß ihres Glückes, Und die reinen Engel neigten Gern die Flügel schützend nieder Auf das sel'ge Liebespaar. Ach, warum nicht ewig dauern Konnten dieses Glückes Stunden! Was denn hätte diese reine Schöne Liebe wohl verbrochen? Niemals werd' ich es begreifen Warum feindlich man sie störte; Welchen Schaden nur dem kleinsten Wesen hätte bringen können Das verborgne Glück der Beiden! Wenn auch manchmal eine Stunde Länger wohl der Mond geweilet, Als er durfte, bei der Blume, Hatt' er desto hell're Strahlen Aus der Nähe seiner Lieben Mitgebracht und sie ergossen Auf die arme dunkle Erde; Und die Blume hat erschlossen Immer reicher ihre Blüthen In dem Licht des holden Freundes; Immer süßren Duft gespendet, Allen, die sich ihr genahet. Ach! die gute böse Sonne! Nein! ich kann's ihr nicht vergeben Was sie an dem Mond verschuldet Und der schönen weißen Blume! - Wie, die Sonne? - unterbrach ich Staunend meine kleine Elfe, Auf die Sonne kannst du schelten? Auf die gute, große Sonne! Ja, ich weiß wohl! sprach die Kleine, Daß du ihr vor allen huldigst, Lieder singst zu ihrem Preise Und nach ihrem Licht sich neiget Deine Seele, gleich der Rose. Und gewiß, wer sollte lieben Denn nicht auch die gute Sonne! Ja, wohl ist sie gut und herrlich Und sie pflegt am großen Herzen Eine ganze Welt voll Liebe! Aber, glaub mir nur - doch laß mich Leise dir in's Oehrchen flüstern, Daß nicht irgendwo ein Lüftchen Hier im alten Dichterhause Durch die morschen Wände lauschet Und der Sonne hinterbringet Was ich hab von ihr geplaudert. Denn du kannst es wahrlich glauben Unser armes Elfenvölkchen Hat es manchmal schlimm bei ihr! Unsre kleinen Schelmereien Pflegt sie stets zu hintertreiben; Oder streng und hart zu strafen. Ach, wie manchen wunderschönen Frühlingsball in heitren Nächten, Wo der gute Mond so freundlich Leuchtete zum lust'gen Tanze, Hat sie uns nicht schon gestöret, Wenn sie mit dem Flammenauge Plötzlich in den Wald geblitzet, Daß wir auseinander stoben Mitten in der besten Freud'! Und die kleinen Maitranksbecher, Ach, an deren Rand so gerne Nippen uns're rothen Mündchen, Hat sie manchmal ausgegossen, Weil sie meint: sie machten schwindlich Und berauschten uns're Köpfchen. O, ich mag davon nicht sprechen Was sie uns nicht Alles, alles Angethan schon hat, die Sonne! Was für allerliebste Schwänkchen Sie uns nicht schon hintertrieben! Und vor Allem kannst du glauben Ist sie abhold jeder Liebe. Wie, der Liebe? rief ich wieder, Sie, die allerfreu'nde Sonne Könnte abhold sein der Liebe? Geh, du bist ein albern Kindchen, Das nicht weiß wovon es plaudert! - Doch mit altklug wicht'ger Miene Sprach das kleine Elfchen weiter: Nicht der großen allgemeinen Menschenlieb', hab ich gemeinet, Daß sie abhold sei, die Sonne, Nein! - wie könnt ich das behaupten? Seh' ich nicht auf Gut' und Böse, Reich' und Arme, Groß und Kleine Ihren Mutterblick gewendet? Doch ich glaub' weil sie so viele Lieben muß und sie erhalten Kann sie's nicht begreifen, wie man Einem Einz'gen mag gehören, Einem Einz'gen nur mag leben Und in dieses Einz'gen Augen Kann der ganzen Welt vergessen. Siehst du nicht wie scheu sich bergen Die Verliebten vor der Sonne? In dem Schatten dichter Lauben, In dem Dunkel stiller Wälder Tauschen ihrer Liebe Schwüre? Wie sie nur der Nacht vertrauen Und dem sanften, bleichen Monde Das Geheimniß ihrer Herzen? Ja, der Mond! der kann's verstehen, Denn er hat ja selbst geliebet Und gelitten, darum schauet Auch so wehmuthvoll sein Auge Und so tröstend auf die Thränen Jeder tiefbetrübten Liebe - Höre! wie es ihm ergangen: Eines Morgens hat die Sonne Ihren schönen Sohn gefunden; Zu den Füßen seiner Blume Wo er sich ein wenig länger Hat verträumt, als sonst gescheh'n, Ha! wie zornig ward die Sonne! Hab' es nur zu gut gehöret, Denn mit den Gespielen saß ich In dem schönsten Silberwölkchen, Das uns trug auf einer Lustfahrt Durch das blaue Meer des Himmels. Wär' uns beinah' schlimm ergangen! Denn ein solches Ungewitter Wie an diesem unglücksel'gen Morgen losbrach an dem Himmel - Hab' ich niemals noch erlebet. Ha! die Sonne! die kann stechen! Damals hab' ich es erfahren. - Nein, du kannst mir nicht verdenken, Daß ich ihr ein wenig böse Und den Mond viel lieber habe, Mit den stillen sanften Blicken. Ja, der Zorn der stolzen Kön'gin War nicht klein, kann ich dir sagen! Einen trägen Träumer schalt sie Ihren Sohn, der Bess'res könne Thun, als hier mit Blumen tändeln, Wer erleuchten und erfreuen Müsse eine ganze Erde, Dürfe einer solchen kleinen Engen Liebe niemals pflegen; Auch sei ihr gar sehr verhasset Alles Heimliche, Verborgne! Gut und schön sei nur was offen Ausgesprochen, unverschleiert Zeige sich vor allen Augen. Ach, wir losen Elfchen haben In dem hübschen Silberkähnchen Sehr gekichert und gezittert Nebenbei wohl auch ein wenig, Als die Sonne dieses sagte. Wir, des Mondscheins luft'ge Freundchen Lieben gerade das Geheimniß, Und Verstecken, Suchen, Rathen Sind uns stets die liebsten Spiele. Hast du es nicht auch erlebet, Mußt du selbst es nicht gestehen: Wie so bald sind alle Reize Eines Glückes, das die Stille, Die's gepflegt und großgezogen, Abgestreift, entstellt, verblichen; Wenn der dreiste Blick des Tages Preisgegeben es der Menge? - Hätt' ich einen Schatz, ich wollte Wahrlich besser ihn verstecken Als der arme Mond gethan. Nein, kein Blick, kein einz'ger dürfte Seine Schönheit mir belauschen! Ja, belauschen nur, um neidisch Sie hernach mir zu zerstören! Denn so ist die Welt, die schlimme! - Bin zwar nur ein kleines Elfchen, Aber hab' doch manche Dinge Schon erfahren und belauschet, Weil ich mit den ätherleichten Flüglein allenthalben flatt're, Und in manchen Winkel husche. Nun, ich glaub' es hätt' am Ende Doch beruhigt sich die Sonne, Da den Mond so sehr sie liebet Und auch wohl der weißen Blume War gewogen still im Herzen; Doch ihr Schelten hatte leider Eine ganze Schaar von Basen Plötzlich sich herbei gezogen, Böse, graue, schwarze Wolken; Ganz meschante alte Jungfern, Die mit Höckern auf dem Rücken Und mit langen, langen Nasen Und von Neid und Haß und Galle Aufgeschwollen, aufgeblasen; Waren gräulich anzusehen! Ja, sie bersteten vor Bosheit, Und da gab es ein Geklatsche! Gab's ein Schelten und ein Brummen Und ein tückisch' wildes Blitzen Aus den grauen, falschen Augen! O, wie häßlich angeschwärzet, Wie verdunkelt und verfinstert Wurde da der Mond, der Reine, Daß auch nicht ein einz'ges weißes Fleckchen mehr an ihm zu seh'n! Und die Wolken nicht alleine Auch ein alter rauher Oheim, Von den Blumen Sturm geheißen, Kam herbei, der hat getobet, Hat gebrauset und gewüthet Durch des Paradieses Garten; Daß ich wahrlich glaubt' er wolle Ihn bis auf den Grund zerstören. In dem leichten Silberkähnchen Hab' ich mich zur Noth gerettet Mit den freundlichen Gespielen, Aus dem grausen Ungewitter. Ach, ganz bleich und ganz erschöpfet Kamen wir zur Erde nieder, Die wir arg verwüstet fanden, Denn es hatte selbst die Sonne In des Sturmes wildem Toben Ihres Feuers Kraft verloren, Ach, mit trüben matten Blicken, Sah sie auf die Erde nieder, Und da mußten freilich welken Ihre Blumen, alle Bäume Senkten klagend ihre Zweige. Auch wir armen, zarten Elfchen Ließen hängen uns're Flüglein, Uns're lust'gen kleinen Flüglein - Wie's doch eigentlich recht seltsam, Traurig zugeht in der Welt! - Und das Ende der Geschichte? Fragt ich, als die Kleine finster Schwieg und vor sich nieder schaute. Ja, das Ende der Geschichte, Sprach sie wieder, leis' aufseufzend, War, daß meine zarte Blume Von dem schönen Freund getrennet Durch die strengen rauhen Mächte, Von dem Sturm hinausgetrieben Aus dem Paradieses-Garten, Ist zerknickt in diesem Kampfe, Ach zerknickt recht in der Mitte Ihres liebereichen Herzens. Ihre weißen Silberblüthen Lösten sich in tausend, tausend Kleinen, zarten, bleichen Flöckchen, Und so sank sie, noch im Sterben Hold und lieblich anzuschauen, Auf die dunkle Erde nieder, Einen weißen Leichenschleier Breitend über das Gefilde. Achtlos gehen rauhe Füße Ueber sie, der Staub der Erde Hat die reine Himmelsfarbe Schonungslos schon oft beflecket, Ihre Wärme ist entschwunden, Und der Duft, der lebensfrische, Der ein Paradies durchwehte, Ist entflohn im Todessturme. Aus den schwarzen Wolkenschatten Hat ihr schöner Freund sich wieder Rein und glänzend aufgeschwungen, Seine hohe Bahn durchwandelt Still und groß er, ohne Klage; Doch wenn seine Blicke fallen Auf den weißen Leichenschleier Seines hingeschwund'nen Glückes, Zittern sie in Schmerz und Liebe, Und im Glanze dieser Blicke Scheint sie wieder aufzuleben Die zerstörte bleiche Blume, Schön wie einst im Paradiese Schimmern ihre weißen Blüthen, Mit des Mondes Himmelsflammen In ein heil'ges Licht zusammen. Sieh, wie schön die Erde ruhet In der stillen Todtenfeier Dieser treuen frommen Liebe, Die der Sturm nicht konnte löschen; Die kein Raum vermag zu trennen! Also sprach die kleine Elfe, Küßte mich, und still und leise Flog sie durch das Fenster wieder. Ihre gold'nen Flüglein sah ich Einen lichten Schimmer werfen Durch des Gartens Laubengänge. Doch ich stand noch lang und schaute Still, wehmüthig in die weißen, Lichtumflossenen Gefilde. (1853) aus: Gedichte von Katharina Diez und Elisabeth Grube, geb. Diez Stuttgart 1857 (S. 60-73)

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