Agnes Bernauer

by Katharina Diez

(...) Gern, wenn des Lebens herbe Noth Mit engen Herzensfesseln droht Mich lähmend zu umstricken, richte Ich ernst und prüfend meinen Blick In's große Buch der Weltgeschichte, Hin auf der Länder und Völker Geschick, Und fühle mein kleines Ich vergehen In des allmächtigen Weltsturms Wehen. Doch weiblich scheu bleibt und verzagt Mein Lied, mit kühnem Klange wagt Es nicht die Helden zu begleiten, Die hoch und prächtig vorüber schreiten. Es weilt, wo in dem Sturmgetose Glühet der Schönheit, der Liebe Rose, Wo aus dem wogenden See sich heben Blüthen und Sterne mit zitterndem Beben. Es mischt seinen Laut mit des Windes Geflüster Im Uferschilfe lieblich und düster, Und sammelt die Perlen an dem Strand, Die hingeworfen der Stürme Brand. O Grab der Liebe! das aus den Tagen Der Vorzeit ich sehe so schauerlich ragen, Wie möchte mein Lied um dich klagen und rauschen, Daß liebende Herzen ihm weinend lauschen. O bleiche, süße Blume du, Die meinem Blicke sich gezeiget, Wie traurig lächelst du mir zu, Wie hat sich dir mein Herz geneiget! Wie drängt es mich aus treuen Augen Zu sammeln des Mittleids heilige Zähren, Dein Bild, das holde, zu verklären, Aus deinem Schmerzenskelch zu saugen, Aus deiner Liebe begeistertem Muth, Die frische, lebensvolle Gluth, Die für das Edle und das Schöne Ausströmt so gern des Liedes Töne! Hat nimmer doch umsonst gelebet, Was an des Dichters Saiten schlägt, Was freud- und leidvoll sie durchbebet, Von Herz zu Herzen sich weiter trägt. Wenn seines Liedes Stimme ruft Hinunter in des Todes Gruft, Dann muß sich hingesunknes Leben Empor in ewiger Schönheit heben; Des Dichters Schmerz hat göttliche Macht Und strömet Licht in die tiefste Nacht, Des Grabes Recht hat aufgehört, Wo seine liebende Klage man hört. Drum in des Herbstes Sturmgesang Rausche und säusle mein Harfenklang Und segne mein Lied, du allmächtiger Geist, Der beten und singen und klagen mich heißt. Schön ist die Rose, die von dem Licht Der Sonne geküßt, die Knospe bricht, Sanft labet des Morgens perlender Thau Und herrlich leuchtet des Himmels Blau; Der Abendstern - wie ist er so hold, Wenn hell aus der Wolke schimmert sein Gold! Des Baches Welle - wie fließt sie so rein, So jungfräulich frisch über Klipp' und Gestein! Wie freudig hinaus in den Frühling zieht Der jubelnden Lerche Morgenlied! Doch schöner wohl nichts auf Erden wallt Als einer Jungfrau süße Gestalt, Die, treu von Gottes Huld geführt, Von Schuld und Schmerz noch nicht berührt Steht an des Lebens ernster Schwelle, Mit großem Auge, weit und helle; Keine Farbe so hold, so herrlich kein Licht Mir dünket gleich ihrem Angesicht, Kein Klang, kein Hauch dem Worte gleicht, Dem Lächeln, das ihrem Mund entfleucht, Dem Liede, das hell voll klingender Lust Steiget empor aus der jungen Brust, Dem frommen kindlichen Gebet, In dem sie die Gnade des Himmels erfleht. Seh' ich vor mir ein solches Bild, Die Thräne mir aus dem Auge quillt, Da wo sie wandelt durch Frühlingsau'n Wähn' ich das Paradies zu schau'n - Wo Eva an Allvaters Hand Im jungen Morgenlichte stand, Sein letztes, schönstes Schöpfungswerk, Sein liebstes, lieblichstes Augenmerk, Da scheinet mir "gelobtes Land", Das darf kein roher Fuß betreten; Da möcht' ich knie'n und zum Himmel beten: O, wehre ab des Frevlers Hand! Laß all' deine Engel Tag und Nacht Halten an diesem Eingange Wacht! - Solch eine Jungfrau, hold und zart, Mit königlicher Huldgeberde, Die für das schönste Glück der Erde Vom Himmel selbst schien aufgespart, Hat einst gelebt in Augsburgs Mauern. Sie war des ärmsten Bürgers Kind, Doch manchen Jüngling sah man trauern, Den Agnes grüßte hold und lind, Sie strahlte in solcher Schönheit Glanz, Daß jedes Auge ward geblendet, Das in der Jungfrau'n reichem Kranz Nach ihrem Bilde sich gewendet; Es war die herrliche Gestalt Von solcher Majestät umwallt, Von solcher Lieblichkeit umflossen, Daß Jedem ward in ihrer Nähe, Als ob er ein Himmelswunder sähe. - Wenn in dem Schmucke der goldnen Haare Betend sie knieete an dem Altare, Dann glaubte man Madonna die Reine Zu sehn, im strahlenden Heiligenscheine, Und Mancher beugte mit ihr das Knie Und hätte beten mögen wie sie! - Doch, wenn geschmückt mit des Lenzes Kranz Sie schwebte dahin im leichten Tanz, Dann schien ein Zaubernetz gesponnen Von Scherz und Lust in des Festes Reih'n, Dann schien sie die Königin aller Wonnen Der Erde für jeden Blick zu sein! Es war die wunderholde Maid In der Gespielen trautem Kreise So heiß geliebt; nicht laut noch leise Berührte jemals sie der Neid; Denn ihre sanfte, milde Güte Erquickte gleich ihrer Wangen Blüthe, Und ihres Herzens fromme Treue Rührte wie ihrer Augen Bläue; Rein wie der Schnee der schönen Glieder War ihre Seele, soll Himmelslieder. Sie war der Eltern Stab und Glück, Sie war der Traurigen Lebenssonne; Sie war der Freunde Stolz und Wonne, Es brachte ihr Wort, ihre Hand, ihr Blick Hülfe und Trost in der Armuth Haus Und scheuchte die Noth und den Streit hinaus. An Leib und Seele ohne Mängel, So stand vor jedem Blick sie da, Wo man sie wandeln und handeln sah, Da hieß man freudig sie "den Engel", Und pries sie nah' und pries sie fern Als Augsburgs Stolz und schönsten Stern; Es kam kein Gast aus fremdem Lande, Dem man nicht Agnes Bernauer nannte. Wohl hatte manches Jünglings Bitte Geworben um der Jungfrau Huld Mit sehnsuchtsvoller Ungeduld, Doch schüchtern flohen ihre Schritte, Wo fesseln wollt' mit süßem Band Ein kühner Wunsch die zarte Hand. Noch nicht der Liebe Wonne und Schmerz Hatte berührt ihr junges Herz, Die Liebe, die an des Einzigen Brust Findet die einzige Lebenslust. Sie liebte noch Alles, was um sie her, Sie liebte Alles so sehr! so sehr! - Eine ganze Welt voll seliger Träume Umfaßte der helle, der wonnige Blick, Sie liebte die Sonne, die Sterne, die Bäume, Die kleinste war ihr ein Glück! Sie fand die Freude auf allen Wegen, Sie jauchzte dem goldnen Mond entgegen, Sie haschte jubelnd den Schmetterling Und küßte die Rose, an der er hing. Sie eilte hinaus mit des Berges Quelle Und plauderte mit der silbernen Welle, Und sang mit der Lerche im Morgenschein, Mit der Nachtigall bis in die Nacht hinein. Das Schneckchen, das sie am Wege fand, Deckte sie schimmernd mit liebender Hand, Sie band das hängende Zweiglein fest Und schützte dem Vogel das trauliche Nest. Es war die ganze weite Natur Ein Spielplatz ihrer Liebe nur. Und ach! der Eltern geliebtes Leben - Das eigne hätte sie hingegeben Um einen Wunsch, um einen Blick, Der sie geflehet um ein Glück. - Es hing so warm an der Freundin Lippe Ihr süßer Mund, sie hätte für sie Getragen jede Lebensmüh', Erstiegen jede rauhe Klippe. Und wenn sie still die Blicke senkte Auf des Erlösers Gnadenbild, Das an dem Kreuze hing, so mild, Deß Lebensblut die Erde tränkte - Dann floß ein Strom von heißen Thränen Auf seine heil'gen Wunden hin, Dann rief aus ihr ein mächtig Sehnen: Nimm Alles, was ich hab' und bin! Wie soll ich Deiner Liebe danken, Die ach! so viel für mich gethan! Laß meiner Jugend Blüthe ranken Als Schmuck an Deinem Kreuz hinan. - So floh'n ihr hin die harmlosen Tage Noch ohne Wünschen und ohne Klage, So ruhte unter heil'ger Hut, Verborgen unter schuldlosen Scherzen, Die tiefe, stille, keusche Gluth Süß schlummernd noch in der Jungfrau Herzen, So ahnungslos, zu welchen Schrecken Sie könnte der Sturm des Lebens wecken! - (...) Der Jüngling aber, als würd' es schnelle In seiner Seele auf einmal helle, Naht sich der Maid und faßt ihre Hand; Er spricht: o, schöne Jungfrau mein! Du bist es, die man mir genannt, Die ich von jedem Mund hör' preisen, Du kannst nur Agnes Bernauer heißen; Du kannst fürwahr nur ein "Engel" sein! Da steht, von holder Scham umflossen, Von hellem Purpur übergossen, Die schöne Jungfrau und ihre Hand Zieht aus des Jünglings Hand sie zurück Und sieht ihn an mit flehendem Blick. - Agnes Bernauer werd' ich genannt, Mit leisem Tone sie schüchtern spricht, Ein Engel aber bin ich nicht, Bin nur ein armes Erdenkind Und sündig wie alle Menschen sind. - Es war in ihrem Wort so zart Demuth mit stiller Hoheit gepaart, Daß, wie von Schuld getroffen, nieder Der kühne Jüngling senkt den Blick Und zaghaft tritt von ihr zurück; Doch bald naht er sich schüchtern wieder Und schaut zu ihr auf's Neue Mit einem Blick, so voller Treue, So voll von Demuth und von Leid, Spricht er zu ihr: verzeiht, verzeiht! Wenn ich zu dreist, zu kühn es wagte, Zu reden, was das Herz mir sagte; - O, hebet Euer Angesicht Und sagt mir nur: ich zürne nicht! O, dieser Blick, so treu und wahr, Wie drang er zu des Mägdleins Herzen Mit süßen, wehmuthvollen Schmerzen, Und doch ward's ihr so licht und klar In seinem dunkelhellen Schein, Als müsse in ihm ein Himmel sein! Ein leiser Seufzer, ihr unbewußt, Hebt höher ihre junge Brust, Sie senkt das helle Auge und spricht: Gott hüte Euch! - ich zürne nicht! Dann haucht sie schnellen Scheidegruß Der Kranken zu und herzt die Kleinen, Die ihre Aermchen fest vereinen, Zu halten ihren flücht'gen Fuß; Doch, wie ein Reh so scheu und schnelle Entflieht sie über der Hütte Schwelle. Der Jüngling aber steht entzückt, Als hätt' er einen seligen Traum Geträumt in diesem armen Raum, Und zu der Stelle er hin sich bückt, Wo hold vor ihm die Jungfrau stand - Als müsse er diese Stelle segnen, So streckt er über sie die Hand; Es sieht die Arme staunend regnen Einen Strom von Gold, so reich und blank, Daß ihre Augen wie geblendet! Er spricht zu ihr: das sei mein Dank Daß Gott mich hat hierher gesendet - Die Hütte muß gesegnet sein, Wo seine Engel kehren ein! Lebt wohl! und betet für meine Seele, Daß Gott sie hüte vor Schuld und Fehle. Dann eilt er hinaus. - Die Armen, Die in der Hütte bleiben zurück, Die heut' ein himmlisches Erbarmen Hat überschüttet mit reichem Glück, Sie heben die Hände empor nach oben, Die stille Nacht hört sie beten und loben! - Mit leisem Schritte schwand die Nacht, Die Lerche läßt auf fliegenden Schwingen Den ersten Tagesgruß erklingen, Die Blumen öffnen die Kelche sacht, Und in den Morgen so hell und frisch Schaut Agnes Auge träumerisch Aus ihrer Erkers Fensterlein Weit über die glänzenden Häuserreih'n, Gleich einem leise suchenden Sterne, Hinaus in die blaue, duftige Ferne. Zum erstenmal ein anderer Klang Mischt sich ihr in der Vögel Gesang, Zum erstenmal ein andere Licht Blendet sie aus des Morgens Strahlen, Auf blauer Himmelsdecke malen Sie ihr auf's Neue ein Angesicht, Das kaum entschwunden mit dem Saume Der Nacht aus ihrem stillen Traume. So oft doch hatte ihr Ohr gehört Das Lob ihrer Schöne mit schmeichelndem Klange, Noch niemals hatt' es ihr Herz bethört, Warum nur schlug es ihr heut' so bange? So bange und doch so froh zugleich, Als wär' sie geworden auf einmal reich! Als hätte plötzlich sich niedergesenket Auf ihres Lebens Blumenau Eine Himmelswolke, von Segen getränket, Voll süßem nährenden Himmelsthau, Daß sich mit wonneseligem Beben Geöffnet alle Blüthen heben. - Ja, wunderbar schien ihr die Welt Von einem neuen Reiz erhellt, Als wenn zu einer hohen Feier Sie wäre festlich angekleidet, Als ob ein reicher Sternenschleier Läg' weithin über sie gebreitet. - Erstaunt die Mutter blickt zu ihr: Mein Kind! sprich, was geschah mit Dir? Daß Deine Augen so lächelnd sehn, Und doch darinnen die Thränen stehn? Und Agnes schlinget zärtlich und warm Um ihren Hals den weißen Arm - O, Mutter! ich träumte so schön heut Nacht! Und bin wohl immer nicht ganz erwacht, Noch immer seh' ich durch die Gefilde Ziehn die wundersamen Gebilde. - Auch weißt Du ja, welch' frohes Fest Sie heut' in unsrer Stadt bereiten - Die Sorge mich wohl nicht ruhen läßt - Komm, hilf Dein Töchterlein schmücken und kleiden. Fürwahr, ihm kann das Herz wohl klopfen, Ein Thränchen wohl im Auge tropfen! - In welchem Kreis von schönen Frauen Soll steh'n Dein armes, blödes Kind! - Dem Fürsten soll ich in's Angesicht schauen, Dem alle Herzen gewogen sind. - Das Alles macht mich so glücklich, so bange, Die Stunden dünken mir wahrlich zu lange. - So kos't sie und plaudert und schmückt sich dazwischen, Und Thränenthau und Lächeln mischen Sich wunderbar in dem holden Gesicht Wie Maienregen und Sonnenlicht. Wie seltsam hat des Fürsten Bild In ihrem Geiste sich vermischet Mit Zügen, die so ernst und mild Stehn noch in ihm so unverwischet, So klar und treu, als könnten sie nimmer Erbleichen vor einem Erdenschimmer. Und als sie nun mit ordnender Hand Die Blüthen und Blätter zum Kranze band, Den sie dem Fürstensohn reichen sollte, Da flüstert wie im Traum sie: Ob er wohl schön und gut ist wie - - Erröthend stockt sie und es rollte Ein Strom von Thränen in's duftige Grün Des Kranzes hinein - ihre Wangen glühn - O Gott, mein Gott! - hinaus - hinaus! Wer nimmt mir aus dem armen Herzen Diese Lust, diese wundersüßen Schmerzen? - Geöffnet ist das Gotteshaus - Dort will ich vor den Heiland treten, Will treu und brünstig zu ihm beten, Daß seine treue, blutende Hand Sich kühlend legt auf des Herzens Brand, Und daß die wirren Gedanken schweigen Vor seines edlen Hauptes Neigen. So ruft sie und eilt mit flüchtigen Füßen, Als hätte sie schwere Schuld zu büßen; Doch folgt sie nicht dem Menschenstrom, Der wallet zum hohen, prächtigen Dom, Aus welchem Glocken- und Orgelklang Brauset weit die Straßen entlang; Ein stilles Kirchlein, arm und klein Erbaut am abgelegenem Orte, Das ladet mit freundlichem Gruß sie ein Und öffnet ihr die fromme Pforte. Ach, aus dem lauten Lärm der Straßen, Aus diesem Rennen, diesem Rasen, Wie reicht es ihr so süße Ruh! Welch' eine Kühle, welch' heilige Stille! Es schweigt beruhigt Wunsch und Wille, Neigt sich dem Gott des Friedens zu. Und Agnes zu des Heilands Füßen Legt hin das sturmbewegte Herz, Es fühlt der treusten Liebe Grüßen Und schwebt beseligt himmelwärts. Die bangen, sehnenden Gedanken Die hin und her im Winde schwanken, Sie fliegen alle in Gottes Schooß, Dort wird die Seele ihr frei und groß - Und ruhig, gestärkt von himmlischem Segen, Geht sie den Freuden des Festes entgegen. (...) Und sieh! auch Agnes hebet empor Den träumenden Blick, der sich verlor Weit aus dem schimmernden Festgepränge, Weit aus der rauschenden Menschenmenge. Und ach! - er ist's! - so ruft ihr Herz Unhörbar, doch lauter als alle Klänge Die sie umrauschen, als ob ein Schmerz Auf einmal ihr die Brust zerspränge, Drückt fest darauf sie ihre Hand; Es bleibt erstarrt ihr Blick gewandt Auf jener glänzenden Gestalt, Die durch die jubelnde Menge wallt. - Er ist's! - er ist's - sie hat ihn erkannt - Der schöne Jüngling, dessen Hand Gedrückt die ihre, daß sie mit Schmerzen Noch immer es fühlt im tiefsten Herzen. Doch schnell in der großen Freude Gewühl Geht unter ihr jedes bange Gefühl, Das ahnungsvoll sie will beschleichen; Sie fühlt es blitzesschnell entweichen, Wie vor der Sonne weicht die Wolke. Er ist's, den sie so mild gesehn, So treu in der Armuth Hütte stehn; Er ist der Fürst von ihrem Volke! Er wird es tragen mit sanftem Erbarmen Wie jenes Kind auf starken Armen, Er ist des Landes Hoffnungsstern! Ihm darf sie laut ihre Liebe bekennen, Ihn mit der jubelnden Menge nennen Und freudig grüßen als ihren Herrn! So tritt sie aus dem Kreis hervor Und hoch hält sie den Kranz empor - Es leuchtet, es flammt ihr Angesicht Von einem wundersamen Licht, Als wenn ein voller Himmelsstrahl Es übergossen mit einemmal; So steht vor Aller Blick sie da - Daß Jedem ward, der auf sie sah, Als ob einen Engel mit leuchtenden Schwingen Er säh' aus dem feiernden Kreise dringen. Auch Albrecht hat den Blick gewandt Zu ihrem Bilde, lichtumflossen, Er hat die Jungfrau schnell erkannt Und steht von süßem Glück umgossen - Und dennoch fast erschrocken, weicht Vor ihrer Schönheit er, wohl deucht Sie ihm die Eine; Eine noch Und eine Andre, Andre doch! - Die scheue Jungfrau ist's nicht mehr, Die vor ihm stand in jener Hütte Ein frommes Kind mit fleh'nder Bitte - Jetzt steht sie leuchtend, hoch und hehr, Von jeder scheuen Furcht befreit, Von einem heil'gen Ruf geweiht, Wie seines Landes Genius Und bringt ihm seines Volkes Gruß. Von ihrer reinen Himmels-Würde Getroffen, beuget er sein Knie, Er glaubt, daß sie ihn segnen würde, Wie er gesegnet wurde nie! Gesenkten Hauptes flüstert er leise, Daß sie es nur hört im lauschenden Kreise: O, segne mich du schöne Maid! Dann bin ich gefeit in Noth und Streit! - Da reicht sie ihm hin den blühenden Kranz, Es stockt ihr Wort, die Augen nur reden Den Segen, um den seine Lippen flehten. Wie ist sie auf einmal wieder so ganz Das schüchterne Weib, da sie beugen sich sieht Den Herrn, vor dem ihre Seele kniet! - Verblichen ist der Siegesschein, Der eben noch ihr Haupt umschwebet, Doch diese Perle, die so rein Ihr zitternd jetzt im Auge bebet - Sie ist das Kleinod, ist der Preis, Nach dem des Mannes Sehnsucht ringet, Sie strahlt ein Licht, das schnell und heiß Durch Albrechts ganzes Wesen dringet. Vorüber ist der Augenblick, Der flüchtige, selige, der das Leben Der Beiden mit strahlendem Glanz umgeben; Sie tritt in den Kreis des Volkes zurück, Erbleichend gesenkt die Augenlieder Das arme Kind des Bürgers wieder; Er aber schreitet, vom Jubelrufen Des Volkes begleitet, hinauf die Stufen, Hinauf, wo sie ihm nicht folgen darf. Wie schnell, ach, wie so grausam warf Die Welt mit ihren starren Schranken Sich zwischen sie und ihn! - zu wanken Schien ihm der Boden, mit zitterndem Knie Besteiget er die hohe Tribüne, Der junge Held, der stolze, kühne, Der noch in seinem Leben nie In einem Kampfe hat gezittert, Der manche Lanze hat zersplittert Und stand vor manchem Feindesheer - Wie sank er machtlos vor dem Speer, Der aus des frömmsten Auges Schein Ihn traf bis in das Herz hinein! O, wie so arm, wie öd' und leer Scheint ihm die glänzende Höhe umher! Es stieg zu ihr hinauf nur sein Fuß, Doch unten blieb seines Herzens Gruß; In seines Volkes Mitte zurück Blieb seines Lebens einiges Glück! Doch als nun beginnt des Kampfes Brausen, Die Schwerter und Lanzen nun fliegen und sausen, Die Rosse schnauben, die Hufe sprüh'n, Da fühlt' er die Seele lodern und glüh'n! In diesem muthigen Schlagen und Jagen Erfaßt es ihn wie zu mächtigem Wagen, In diesem Suchen und Rennen und Trennen Fühlt er die Pulse des Lebens entbrennen, - Ha! wie erscheint ihm jede Kraft So klein, vor dem Ringen der Leidenschaft, Die, wie's ihm dünkt, sich Bahn könnte brechen Durch Gluth und Fluth, mit himmlischem Muth Müßte die Pforten der Hölle durchstechen, Und in dem Kampf um das süßeste Leben Könnte den Tod aus dem Sattel heben! - Und Agnes - ach! auch sie verweilt Nicht mehr im niedren engen Thale, Hinauf, hinauf zur Höhe eilt Ihr Blick mit jedem Sonnenstrahle, Der auf dem Helm des Helden glüht Und Funken zu ihr herunter sprüht. Verwelkt sind all' die süßen Rosen, Die an dem Bache sie gepflückt, Womit sie unter heitrem Kosen So froh das junge Haupt geschmückt, Sie weiß nur mehr von einem Kranze Der schwebte aus ihrer Hand hinauf, Und dort in überird'schem Glanze Zieht nach ihr Herz im fliegenden Lauf. So stehn getrennt die schönen Beiden, Und doch vereint in Wonnen und Leiden - Hinab, hinauf die Blicke schau'n, Hinauf, hinab die Gedanken bau'n. Wohl können Schranken von Erz und Eisen Die Herzen nicht von einander reißen, Die Seelen, die fessellos und frei In allen Banden sich umwinden, Und bräch' der Erde Grund entzwei, Im weiten All' sich suchen und finden. - Die Stunden fliehen, die Sonne sank, Es sammeln sich mit Pomp und Prangen Die Sieger im Kampfe, um den Dank Aus schöner Damen Hand zu empfangen. Da wird gespendet manch' Kleinod von Werth, Das hoch den glücklich Beschenkten ehrt; Doch Albrecht blicket ohne Neid Auf die Geschmückten, liebend drückt Er an die Lippen, still entzückt Den Kranz, den ihm reichte schon vor dem Streit Ein Engel mit Glück verheißenden Mienen, Er flüstert leise: ich will dich verdienen! Und unentweiht das heilige Pfand Wieder legen in ihre Hand. Wohl fühlt sein Arm zum glänzenden Mahl Die erste der Frau'n zum Bankett in den Saal, Und horcht ihrem Wort und kostet den Wein, Kredenzet von ihren weißen Händen; Doch arm ihm dünken die reichsten Spenden, Sein Herz durcheilt die glänzenden Reih'n Und neidet die Schwingen des Abendwindes, Der spielt um die Locken des Bürgerkindes. Da horch, wie fröhliche Klänge erschallen! Sie rufen der Jugend blühende Schaar, Und in die festlich geschmückten Hallen Ziehet gedränget Paar an Paar. Der Tanz beginnt, statt Schwertersausen Hört man nur leichte Gewänder rauschen; Satt scharfer Speere tödtliches Blinken, Nur leuchtende Blicke sich heben und sinken; Satt Kampfesruf nur zierliche Reden Wie flüsternde Lüfte in Blumenbeeten. Auch Agnes in der Jungrau'n Reih'n Schaut träumerisch in den Kerzenschein, Und länger nicht hält die Sehnsucht zurück Das Herz des Jünglings, mit raschen Armen Zu fassen das süße einzige Glück, In seinem Lenzeshauch zu erwarmen; Nicht länger achtend der feindlichen Sitte, Durchbricht er rasch der Edlen Mitte - Die schöne Bürgerin führt er zum Tanz, Die schönste Blume im Frauenkranz. Wie lieblich der Augenblick ihm erscheint, Der ihn so nah mit ihr vereint! Wo er den schönen blühenden Leib Darf mit kräftigem Arm umschlingen, Wo er das süße, geliebte Weib Hinträgt auf der Töne melodischen Schwingen. Wohl scheint es den Beiden, sie würden gehoben Nach einem blühenden Eiland dort oben, Als schwände mit ihrem Druck und Leid Unter ihnen die Erde so weit! Ein seliger Traum! - schnell ist er entfloh'n - Sie ahnen nicht wie er bereitet In seinem lieblichen Lächeln schon, Was grausam sie von einander scheidet, Sie seh'n nicht die lauernden spähenden Blicke, Die auf sie gerichtet mit heimlicher Tücke. O, arme Liebe! wie neidet man dir So feindlich die kurzen, flücht'gen Minuten, Die auf dem Meere der Leiden fluthen, Das dich umwogt auf Erden hier! Und dennoch, wie sorglos den schwankenden Kahn Lenkst du durch die stürmende Brandung hinan, Hoch über die falschen Riffe und Klippen - Den flüchtigen Himmelsschaum zu nippen, Mit ihm den Becher des Lebens zu würzen, Und müßtest du mit in den Abgrund dich stürzen! So rauscht dahin des Festes Pracht. - Wohl däucht' es Agnes, als sie allein In ihrem armen Kämmerlein Nun wieder steht in der stillen Nacht, Als wäre aus einem Wunderland, In das sie geführt eines Zaubrers Hand, Zurück sie gekehrt und allein gelassen - Sie kann sich selbst nicht begreifen und fassen! Ach, in ihr brünstiges Nachtgebet, Wie drängen sich Albrechts Blicke und Worte Durch ihres Herzens stille Pforte - Wie immer sein Laut dazwischen fleht: "O, segne mich, Du schöne Maid! Dann bin ich gefeit in Noth und Streit!" Ja, segne Du ihn, so flüstert sie, Mein Gott! - und beuget das zitternde Knie - Und laß dein armes Kind zu ihm sehn Wie nach den Sternen auf himmlischen Höh'n! Doch kaum daß sie in frommer Ruh Geschlossen hat das Auge zu, Da, horch! da tönt in jubelnden Klängen Ein Scheidegruß zu ihr noch hinauf, Und schließt in feurigen Lobgesängen Des Tages festlichen Siegeslauf. Sie horcht - sie ahnt wer ihr gebracht Den feiernden Gruß durch die stille Nacht; Sie weiß, daß Albrecht, gleich einem Meister, Beherrschet der Töne allmächtige Geister, Und diese Töne, sie tragen wieder In zaubrisch blühende Haine sie nieder; Sie wähnt im duftigen Grase zu liegen, Beschattet vom blühenden Myrthenbaum, Und singende Vögel und Quellen wiegen Sie leise und sanft in den seligsten Traum - Wohl möchte aus ihm kaum wieder sich heben Ihr trunknes Aug' in des Tages Leben. Welch' süßer Reiz in einem Blatt, Auf dem die Liebe in innigen Zeilen Ihr Herz für uns ergossen hat, Im trauten, sehnenden Verweilen Uns ihr geheimstes tiefstes Leben Für immer hat dahin gegeben! Wer hat ihn nicht gefühlt, den Reiz Des ersten Blattes, das er empfangen Aus lieber Hand! weß Auge mit Geiz Hat nicht an den theuren Zügen gehangen, Als könnte das kleinste der holden Zeichen Seinem Blick und seinem Herzen entweichen! So steht auch Agnes mit glühenden Wangen Und liest und liest das feine Blatt, Auf dem der sehnenden Liebe Verlangen Ihr Albrechts Hand verkündet hat, In stürmischen Versen, voller Gluth, Geschrieben mit seines Herzens Blut. Ein zierlichre Page hat ihr gebracht Dies Blatt in ihre arme Zelle, Mit einem Strauß voll südlicher Pracht, Voll Farbenglanz, so glühend und helle, Als flammte daraus mit duftigem Licht Noch einmal empor das heiße Gedicht. O, arme Agnes! wie schlagen so schnelle Diese Flammen, wie eine lodernde Welle, Mit schmerzlicher, tödtlich zehrender Lust In deine zarte junge Brust. Aus ihren bebenden Händen fällt Das stürmische Lied - o, dieses Zagen, Dies Wogen, was ihre Seele schwellt - Sie kann es nicht länger allein mehr tragen; Sie flieht in ihrer Mutter Arme Und fleht, daß sie sich ihrer erbarme. Wo gäb' es eine so heilige Stätte Für jede Freude, für jeden Schmerz, Als einer Mutter treues Herz? Aus welchem Lebenssturme hätte Gerettet nicht ein armes Kind Sich hier vor dem tückischen Meereswind? So läßt auch Agnes voll Vertrauen Die Mutter tief in's Herz sich schauen, In's Herz, ach, wo des Geliebten Gestalt In jeder Bluteswelle wallt. Da blickt die Mutter sie traurig an: O Agnes! armes Töchterlein! Welch' Leid hat man Dir angethan! Hüte Dich Gott und die Engel sein! Wirf fort! wirft weg das böse Blatt - Mein armes Kind! es brennt - es brennt! - Weißt Du, daß schon die schlimme Stadt Des Herzogs feile Buhle Dich nennt? Und bist Du's nicht, so wirst Du's werden, Wenn Du nicht hütest die arge Gluth, Die schon auf der Wange Dir brennend ruht Und leuchtet aus allen Deinen Geberden. - O, Kind! bedenk', bedenk' das Ende! Dein Herz zu deinem Heiland wende! Nicht wird der Fürst Dich zum Weib begehren, Er will nur eine flüchtige Lust Stillen an Deiner vertrauenden Brust, Und bringen Dich um den Kranz der Ehren! - Sie schweigt - doch Agnes starrt und schaut Sie an mit wirrem, wilden Blick Und tritt mit entstellten Zügen zurück, Daß fast der Mutter vor ihr graut - Als hätte ein Blitzstrahl sie getroffen; Als stände ihr plötzlich ein Abgrund offen, Aus welchem auf sonnigen Blumenwegen Ihr zischten giftige Schlangen entgegen. O Mutter! o Mutter! was hast Du gesagt - Wie hast Du mein Herz so schrecklich verklagt! Schone, o schone die Seele mein - Du sollst sie behalten sündenrein - Und müßt' ich darüber zu Grunde gehn - Ich will, ich will ihn nicht wiedersehn, Der gleich einem Gott mir ist erschienen, Wie können trügen solche Mienen! O Mutter, o Mutter! - ich trag es nicht! - Sie schlägt die Hände vor's Angesicht Und stürzt hinaus in ihre Kammer. Dort steht sie lang' im stummen Jammer, Wie eine schöne starre Leiche In geisterhafter Marmorbleiche - Wie hat die Sünde dieser Welt Sich zwischen sie und ihr Herz gestellt! Starr blickt sie in den öden Raum - Entflohen ist ein Himmelstraum, Zerstört die grüne Insel liegt, Wo sie sich in blühenden Ranken gewiegt, Und hörte melodische Quellen klingen Und Engel selige Weisen singen. "Es fiel ein Reif in die Frühlingsnacht!" Ein einziges Wort mit zerstörender Macht! Doch plötzlich rafft sie sich empor, Als müßte sie selbst aus dem Traum sich stören, Verhüllt das Aug' und deckt das Ohr, Als dürfe sie nichts mehr sehen und hören; Sie geht dahin, als wolle sie schreiten Zum Kampfe mit unendlichen Leiden; Das Auge, das kaum noch in Liebe schmolz Vor einem Bilde, ach, so theuer, Glüht jetzt wie in heiligem Zornesfeuer; Um ihre Lippen zuckt es stolz. - Sie reißt herab das Prachtgewand, Das sie an jenem Fest geschmücket, Tief, tief verbirgt sie's im Schrein und drücket Es ein und verschließt ihn mit fester Hand. Aus dem Busentuch einen welken Strauß Zieht sie und wirft ihn zur Straße hinaus; Er blühte an ihrer weißen Brust Als sie sich hob in sehnender Lust. Und in die glühenden Blumenflammen, Die ihr der Liebesbote gebracht, Greift sie rasch mit fliehendem Odem, Als wehe aus ihnen ein giftiger Brodem, Sie reibt sie in fliegenden Staub zusammen Und jagt ihn hinaus und bitter sie lacht, Als in den gaukelnden Morgenwinden Sie spurlos ihn sieht aus dem Fenster schwinden. Doch als sie nun ergreift das Blatt, Das, ach! seine Hand beschrieben hat, Daß sie es zur zehrenden Flamme trüge, Da wankt ihr Fuß, das Herz ihr bricht - Sie drückt auf das Blatt ihr bleiches Gesicht Und weinet aus die geliebten Züge! - - Dann aber sinkt sie auf die Knie Und betet, wie sie gebetet noch nie! - Ihr fröhliches Dasein, es ist vorbei! - Vorbei - so däucht es ihr, auf immer Verblichen der Jugend rosiger Schimmer, Ihr ganzes Wesen ein Schmerzensschrei Der sehnend steigt zu Gott empor, Als müsse er sprengen des Himmels Thor; Daß Kraft von oben er möge geben Zu einem neu erstehenden Leben. Wohl oft vor Agnes Thüre noch stand Der schöne, schmeichelnde Liebesbote, Und trägt die Rose, die glühende rothe, Die duftige Nelke in seiner Hand; Die Lilie wie die Sehnsucht bleich; Vergißmeinnicht, ihrem Auge gleich. Ach, keiner von den holden, süßen, Den zarten, glühenden Blumengrüßen, Dringt mehr mit hellem Liebesschein In Agnes züchtiges Kämmerlein. Fest bleibt es verschlossen jeder Bitte, Verschlossen jedem suchenden Schritte. Vergebens auch in stiller Nacht Umtönen ihr Fenster liebliche Klänge, Der sehnenden Liebe süße Gesänge, Mit herzbezwingender Zaubermacht. Wie sie auch bitten, wie sie auch flehn, Wie sie auch stürmen in heißem Verlangen, Fest bleibt der kleine Raum verhangen, Kein holdes Antlitz läßt sich sehn Und winkt dem Ruf der bittenden Lieder Mit mildem Blick Erhörung nieder. In stiller Ruhe Agnes schaut Umher nach jener Schmerzensstunde, Aus ihrem Mund kein einziger Laut Verräth die tiefe Todeswunde, Und wie ihr schlägt das Herz so schwer, Sie wandelt freundlich wie sonst einher; Nur bleicher sind die zarten Wangen Und inniger die Augen hangen Mit wundersam verklärtem Licht Auf ihrer Mutter Angesicht. Nur emsiger regt sie die Hände Und schmücket freundlicher das Haus, Theilt reichlicher der Liebe Spende An Arme und Betrübte aus, Und öfterer mit frommem Knie Sieht am im Kirchlein beten sie. Und wenn die Mutter mit leisen Fragen Rühret an ihres Herzens Klagen, Dann lächelt sie zu ihr und spricht: Sieh, Herzensmutter! ich weine nicht, Und nennst Du mich dein geliebtes Kind, So bin ich froh wie die Seligen sind. Doch Nachts in ihrem Kämmerlein, Wenn sanft der Mond am Himmel scheint, Dann sieht ihr Engel es allein, Wie sie in's Kissen schluchzt und weint, Und möchte gern auf seinen Schwingen Das arme, das betrübte Kind Hinauf in den schönen Himmel bringen, Wo keine Schmerzen und Thränen sind. Doch ach, für sie ist's noch nicht Zeit, Der Weg zum Himmel, wie ist er so weit! O, diese Nächte ohne Schlummer, Wo bei ihr sitzt der bleiche Kummer, Wie fragt sie oft hinein so bang: Warum, warum seid ihr so lang? Und kommt kein heller Tag mir wieder? Keine Ruh' auf meine Augenlieder? Und wenn nun immer sehnender, heißer, Und endlich immer bänger und leiser Im Liebesklang des Geliebten Seele, Wie eine klagende Philomele, Eine blutende Taube, die sterbend girrt, Um diese langen Nächte irrt, Dann hebt sie Morgens sich so bleich Und müde von ihrer Ruhestätte, Als ob sie in des Grabes Reich Dem Tod im Arme geschlafen hätte. Dann wankend sie zum Fenster geht, Um das die süßen Klänge schwebten, Die hin nach ihren Herzen strebten, Und unerhört von ihm verweht; Dann auf die kalten Scheiben sich pressen Sieht man das schöne, bleiche Gesicht, Sie flüstert: warum sterb' ich nicht? - Lehre, o lehre mich, Gott! vergessen! - Vergessen! - ach, wer hat es gefühlt, Wie dieses Wort im Herzen wühlt! Vergessen, ach! was Tag und Nacht In diesem Herzen pocht und wacht, Und ohne Ruh' und ohne Rast Einlaß begehrt, ein stürmischer Gast, Der sich von seinem Blute nährt, An seiner Lebensfülle zehrt, Der nimmer darf darinnen bleiben Und den man doch nicht fort kann treiben. O Lethe! - warum gießest du Nur um Elysiums Gefilde Die kühlen Wellen sanft und milde? Wie würden deinem Ufer zu Viel tausend kranke Herzen eilen, In deinem Himmelsthau zu heilen! Der Jüngling aber, der so bang Da draußen in der nächt'gen Stunde Aushaucht sein Herz im Liebesklang Und nährt die tiefe Liebeswunde, Er ahnt es nicht, mit welchen Thränen Ein Mädchenherz den Schlummer tauscht Mit herber Qual, mit welchem Sehnen Sie diesen Liebesbitten lauscht, Und lieber wählte doch den Tod, Als sich dem Zauber hinzugeben, Weil strenger Tugend Machtgebot Sie trennt von ihrem liebsten Leben, Er glaubt sie kalt nur für sein Werben Und möchte, wie sie, im Schmerze sterben. (...) Und in dem Kreis, der so fröhlich lieget Im weichen Moos und plaudert und lacht, Und endlich auch zu lustiger Jagd Im duft'gen Laub auseinander flieget, Die letzten Schmetterlinge zu haschen Die noch in den Waldesblumen naschen - Sitzt Agnes still in sich versunken; Es strahlt ihre Wange in holder Glut, Ihr Auge glänzt, als ob sie getrunken Aus einer berauschenden Zauberfluth, Die ihr in goldenem Becher gereicht Der Wald, der sich ihrer Schönheit geneigt. Auch ihr aus ferner Kindheit Tagen Erklingen wieder Märchen und Sagen Von seltnen Schätzen und Wunderblüthen Die Zwerge und Elfen des Waldes hüten. Ihr ist als hörte den Bach sie sprechen Von einer Blume mit strahlendem Schein, Die ihre weiße Hand soll brechen; Von einem seltnen Karfunkelstein, Den sie im Walde suchen müßte - Ach, wenn sie doch die Stelle wüßte, Wo ihn verbirgt die holde Fee! - Sie kann nicht länger ruhen und sitzen, Ihr wird's im Herzen so seltsam weh; Sie meint, sie säh' ihn im Grase blitzen, Sie meint, als ob sie schon den Duft Der Wunderblume in dieser Luft Fühle brennen auf ihren Wangen - Sie widersteht nicht dem Verlangen, Das sie mit zwingender Gewalt Tief, tief hinein zieht in den Wald, Aus der Gespielen Kreise weit In zauberhafte Einsamkeit. - O, wie so schaurig, süß und bang Sie diese Einsamkeit umschlang Mit ihres dunklen Mantels Falten, Sie flüsternd führte bald her und hin! Horch! aus den tiefen Felsenspalten Ruft ihr die Unkenkönigin! Aus Farrenkräutern, die über den Grund Sich weit und palmenartig breiten, So heimlich hervor die Bächlein gleiten, Und murmeln wie mit verworrenem Mund. Aus alter grauer Steine Ritz Zuckt's hier und da wie ein schneller Blitz, Ein Nebel wallt von den moosigen Stufen Als stiege Erlkönig zu ihr herab Mit luftiger Krone und Zauberstab. Sie meint, sie hör' ihren Namen rufen - Und aus der Ferne sehnend klingt Ein Echo her - ob wohl im Baume Ein fremder Wundervogel singt? Sie steht und lauschet wie im Traume; Noch einmal - horch! - sie schaut sich um - O, alter Wald! o sage, warum Hörst du auf einmal auf zu rauschen? Als müssest festgebannt du lauschen, Und sähst ein Wunder, das still und groß Erblühen wollte in deinem Schooß? - O, wie durchblitzt ein Feuerstrahl Dein ernstes Antlitz auf einmal Und leuchtet sonnig und freudenhelle Hin über jene dunkle Stelle, Wo sich ein Jüngling, ein Mädchen fanden Und sich mit süßem Schreck erkannten! - Warum denn stehn sie so erschrocken? - Hat sich verwandelt des Jünglings Reh In diese Maid, die mit glänzenden Locken, Wie eine blühende Waldesfee, Mit leuchtenden Augen so herrlich steht Von der Bäume säuselnden Zweigen umweht? Hat sie erblickt den Edelstein, Nach welchem in dem wilden Raume Gesucht sie, wie im wachen Traume, In jenes dunklen Auges Schein, Das aus der tiefen Waldesnacht Entgegen ihr leuchtet mit bannender Macht? Sah sie die Wunderblume blühen, Im Liebesschein entgegen ihr glühen In dieser Hand, die nach ihr faßt, Als ihre zarte Wange erblaßt, Und zitternd ihre Kniee wanken, Als schwänden hin ihr die Gedanken? - O Wald! o Wald! deine Zaubermacht, Soll ich verklagen sie? - soll ich sie loben? - Zwei Herzen hast du zusammen gebracht, Hast kühn den dichten Schleier gehoben; Wie könnte in deinem bannenden Raum Sich länger verbergen der sehnende Traum? - Es stehen keine eiserne Schranken Jetzt zwischen diesen Herzen mehr, Nur zarte Blüthenzweige ranken Sich hold verschlingend um sie her; Die hohen, schützenden Bäume decken, Die dichten, stillen Büsche verstecken Das schöne zitternde Menschenpaar. Nicht Spott und Neid sie hier umdüstern, Nur reine Lüfte kosen und flüstern Um ihre Wangen, in ihrem Haar, Und Alles in diesem herrlichen Reich Scheint sanft zu bitten: o, liebet euch! O, arme Agnes! wie fühlest Du Den Sturm in dieser seligen Ruh! Wie klopft dein Herz, wie krampfhaft falten Sich deine Hände zum Gebet! Wie zitternd dein Auge zum Himmel fleht Er möge in diesem Sturm dich halten! O, laßt mich flieh'n! - ihre Lippen bitten - Wie her ich gekommen, ich weiß es kaum - Doch käm der Tod durch den Wald geschritten, Nicht dürft' ich weilen in diesem Raum! O, haltet nicht länger meine Hand, Und seht nicht, wohin ich die Schritte gewandt. - Doch fester des Jünglings Hand umfaßt Des Waldes schönen, zitternden Gast, Und bittender die Blicke heben Nach ihrem weinenden Auge sich: O, sage mir, Du süßes Leben! Warum denn willst Du fliehen mich? Nicht sichrer in der Engel Hut Deine Hand wie in der meinen ruht. O, Agnes! sage mir, warum Verschmähst du meiner Liebe Werben, Warum ist deine Lippe stumm Und läßt mein Herz, das treue, sterben? Er schweigt und eine Thräne sinkt Herab von seinen kräft'gen Wangen - O, diese Männerthräne, wie trinkt Sie Agnes Herz mit zitterndem Bangen! Wie sinkt des Weibes stolzer Muth In dieser Welle, die überfließet Den Rand der sehnenden Liebesfluth Und glühend auf ihre Hand sich gießet! Es rieselt, es zuckt durch ihre Glieder, Sie stürzt zu Albrechts Füßen nieder, Das schöne, das edle Haupt geneigt, Wie eine Lilie vom Sturme gebeugt. - Mein Herr, o, warum sprichst Du so? Laß deine arme Magd von hinnen, Im Leben werd' ich nicht mehr froh Wenn deiner Augen Thränen rinnen! Wie hat dein Klagen in stiller Nacht Um meines Herzens Ruh' mich gebracht! O, schone mein! ich darf ja nicht Als Weib in deinen Armen liegen - Uns trennt die ernste, fromme Pflicht, Und stark muß ich mein Herz besiegen; Dies Herz, das Alles Dir möchte geben, Das ach, so gerne sein ganzes Leben Nur Dir, nur deinem Dienste geweiht! - O, zieh' mir an ein Sklavenkleid! Ich will als niedre Magd Dir dienen, Will betteln gehn von Thür zu Thür Und fleh'n mit Worten und mit Mienen Bis Hülfe tritt für Dich herfür; Laß mich für Dich im Kerker schmachten, Nicht Schmach und Ketten will ich achten; Reiß' mich von meiner Eltern Heerd, Von Allem, was mir lieb und werth, Fern in des Fremden kaltem Land, Dort, wo die höchsten Klippen ragen, Durch wilder Wüsten heißen Sand Will ich Dir nach den Mantel tragen! Reich' mir ein Schwert und laß mich stehn In deiner Krieger finstren Schaaren, Durch Blut und Leichen will ich gehn, Die schwache Hand soll Dich bewahren; Es soll sich in mein Herzblut tauchen Der Speer, der deinem Herzen droht, Für Dich die Seele auszuhauchen, Das wär' ein süßer, seliger Tod. So, Albrecht! liegt in Lieb und Schmerz Vor Dir des treusten Weibes Herz. Doch Eines darf ich Dir nicht leh'n, Darf ich Dir nimmer, nimmer geben, Das, das gehört nur Gott allein, Das steht mir höher als das Leben! Das Leben, ach, das bald vergeht Und wie ein flücht'ger Hauch verweht! Nicht meiner Tugend Ehrenkrone, Nicht meiner Unschuld weißes Kleid, Das, das gehört dem Gottessohne, Das muß ich bringen unentweiht Vor seinen Thron, wenn er mir winkt, Und meine Lebenshütte sinkt. Wenn Du dies Kleinod mir geraubt, Wie würde bald der Glanz verbleichen, Den mir die Engel Gottes reichen Zum Schmuck für dein geliebtes Haupt! - Drum sieh mich Dir zu Füßen liegen In dieser heil'gen Einsamkeit, Mit Dir vereint nur kann ich siegen In diesem schweren Lebensstreit. Was hülf' es mir, wenn ich verhehle Die stille Gluth der armen Seele, Du siehst sie mir im Auge glimmen, In meinen Thränen zitternd schwimmen. - Es will das Wort sich mächtig drängen Aus seiner engen Haft heraus, Will flehend, hülferufend sprengen Des Herzens sturmumbraustes Haus: Ich liebe, liebe, liebe Dich! Drum fliehe - fliehe, fliehe mich! - Sie ruft's und heiße Thränengüsse Benetzen Albrechts Kleid und Hand, Als ob das Herz ihr brechen müsse, In dieses Schmerzes Fluth und Brand; Doch Albrecht stürzet neben ihr In's Gras auf seine Kniee nieder - Lang' ruht er still und betend hier Und dann erhebt er froh sich wieder; Sein Auge leuchtet, als wenn ein Sieg Ihm winkte nach einem stürmischen Krieg, Und zwischen Liebe und edlem Grimme Schwankend erhebt er seine Stimme: Ich soll Dich fliehen? - nimmermehr! Und stände vor Dir der Hölle Heer! An deiner Seite ist mein Platz, Nichts soll mir stören diesen Glauben, Jetzt erst erkenne ich den Schatz, Den mir die arge Welt will rauben; Von meinen Augen fiel die Binde, In deine Seele sah ich hinein, Und in dem seligen Lichte finde Ich wieder die meine sündenrein. Du hast sie gewaschen wieder hell, Du Heilige! in deinem Thränenquell. Komm! stehe auf, daß ich Dir sage, Was ich für Dich im Herzen trage. Er beugt sich nieder und hebet leise Empor die Zitternde, Lilienweiße; Von seinem Wort und Blick bezwungen, Läßt sie ihm ihre bebende Hand Die ehrfurchtsvoll er hält umschlungen Den bittenden Blick nach ihr gewandt; So stehen beieinander sie Die wiedersehn sich wollten nie, Der Wald hört ihre Herzen klopfen, Sieht ihre Augen leuchten und tropfen. O, Agnes! ruft der Jüngling aus, Wie lieblich winket uns die Stunde! Wie wölbet sich das grüne Haus So schützend über unserm Bunde! Fern, ferne liegt die kalte Welt, Nur Gott schaut von dem Himmelszelt, Sein heil'ger Odem wehet hier Und flüstert zwischen Dir und mir. Er sieht, er hört es, was ich will, Er hat die Seele mir erhellet, Wie fühl' ich sie so klar und still Und doch von sel'gem Muth geschwellet, Frei wie der Wind, der frisch und kühn Durch diese mächt'gen Wipfel sauset, Frei wie der Bach, der in das Grün Der Matten über Felsen brauset. Auf heb' ich meine Männerhand In dieses deutschen Waldes Hallen, Ab werf' ich all' den eitlen Tand, Der zwischen Dich und mich will fallen; Es höre meinen Liebesschwur Die große feiernde Natur, Die selbst jetzt will mit ihrem Segen Ihr schönstes Kind an's Herz mir legen. Was sind mir einer Krone Steine, Auf einer Fürstin Haupt gedrückt? - Das Licht, das Dich umstrahlt, Du Reine! Das ist's, was mich allein beglückt! Wohl hat mich deiner Schönheit Glanz In süßen Liebestraum gewieget, Doch deiner Tugend Ehrenkranz Hat mich im Innersten besieget. Du bist es, die ich mir erwähle, Aus Millionen einzig Dich! Du bist die Seele meiner Seele, Mein süßes Du, mein trautes Ich! Du bist die Blume, die mir lächelt Auf steiler Höh', in tiefen Thal, Der Abendwind, der leise fächelt Mir Kühlung nach des Mittags Strahl, Du bist die immer volle Quelle, Die mich im heißen Durste tränkt, Der Stern bist Du, der mild und helle Sein Licht in meine Nächte senkt; Das Wiegenlied, das leise singt Mich in der Kindheit sel'gen Schlummer, Die Harfe, welche siegend klingt, Und mich befreit von Angst und Kummer; Mein Frieden bist Du, meine Ruh! Mein Hafen, dem auf wildem Meere Eilt meines Schiffes Segel zu, Daß es im Sturm geborgen wäre. Du bist das gläubige Gebet, Das für mich auf zum Himmel fleht, Des Lebens Odem bist Du mir! - - Agnes, wie könnt' ich lassen von Dir! - Sprich, willst Du nun dies einz'ge Leben, Willst Du dein treues Herz mir geben? Die reine Seele, den reinen Leib? - Agnes! - willst Du werden mein Weib? - Darf ich die Erdenkrone drücken In deiner Locken Sonnengold? Mit meinem Fürstenpurpur schmücken Dich Gotteslilie wunderhold? - Willst Du in Glück, in Schmerz, Gefahr Niemals von meiner Seite weichen? Willst Du an Gottes Traualtar Mir deine liebe Rechte reichen? Er schweigt - der Jungfrau Angesicht Erglänzet, wie im Morgenlicht Der junge Tag nach dunkler Nacht Mit frühlingsklarem Blick erwacht; Mit einem Ja! so hell und laut, Wie sich der Lerche Gruß erhebet, Und jubelnd in die Lüfte schwebet, Wirft sich die junge, schöne Braut, Befreit von jedem Druck und Harme In ihres Herzgeliebten Arme. Nun stehn sie Mund an Mund gedrückt, Der Welt vergessend und entrückt, Die Herzen an einander klopfen, Die Augen in einander tropfen, Und nur das einzige: Du o Du! Hauchen die trunk'nen Lippen sich zu. Das leiseste Lüftchen will nicht säumen Zu grüssen das junge, glückliche Paar, Die Bächlein klingen in ihre Wonne, Die Blumen nicken und lächeln hold, Und leuchtende Kronen webt die Sonne Zum Schmuck in ihrer Locken Gold; Von allen Wipfeln das Brautlied schallt, O, wie der treue, fromme Wald Sich freut so recht aus Herzensgrunde Daß ihm erblüht so schöne Stunde! Daß sich in seinem Haus gefunden So hold und minniglich umwunden Der deutsche Mann, die deutsche Frau! Frisch wie in seinem Moos der Thau, Glänzt ihrer Liebe Seligkeit In seiner grünen Einsamkeit. Das war ein rechtes deutsches Suchen Hier unter den hohen Eichen und Buchen; Das war ein Finden, wonnig und süß, Wie in der Vorzeit Paradies, Wie in Walhalla Baldur der Gute In Nanna's weißen Armen ruhte! - Doch horch! - ein Jaghorn! - o wie dringt es In ihre Wonne schmerzlich hinein! Und von der andern Seite klingt es Wie Mädchengeplauder hell und fein. - Wir müssen scheiden - so bald, so bald! So klingt es Beiden trüb' vom Munde, Leb' wohl! du schöner, lieber Wald! Hab' Dank für diese sel'ge Stunde, Die hier gesenkt sich auf uns nieder! Leb' wohl! mein Lieb! leb' wohl mein Herz! Was jetzt uns trennt, es ist kein Schmerz, Will's Gott, se sehn wir bald uns wieder! So flüstern, so trösten, so scheiden sie Beide In den Wald zur rechten und linken Seite. (...) Wie sorgenfrei sind die Gedanken, Womit die Liebe schaut hinaus Aus ihres Glückes stillem Haus! Sie flattern hold wie Blumenranken, Genährt von Licht und Himmelsthau Erblüht auf goldner Sternenau. O, brauste doch kein rauher Sturm Heran mit schonungslosem Wüthen! O, schliche doch kein gift'ger Wurm Um euch, ihr leicht verletzten Blüthen! Wie anders, ach, als sie geträumt, Ist stets der Liebe die Welt erschienen, Auf die mit verklärten Engelsmienen Sie schaute aus Wolken, goldumsäumt! Und dennoch ist ihr nicht erlassen Der Kampf mit dieser rauhen Welt, Fort aus dem stillen Rosenzelt Zieht er sie durch die lauten Gassen Voll Pöbelruf und Marktgeschrei, Und reißt den Schleier ihr entzwei, Der sie verhüllte zart und lind. Auf, wappne dich, du Engelskind! Im Kriegerharnisch mußt du gehn, Die Feuerprobe mußt du bestehn, Mußt zeugen von deiner Göttlichkeit, Von deines Himmels Ewigkeit, Und siegend aus dem Läutrungsbade Aufschweben in den Schooß der Gnade! - Das war nicht Liebe, die unterging, Als sie des Lebens Streit umfing, Die sich erschrecken ließ vom Spotte Der rauhen, erbarmungslosen Rotte, Die vor dem Leumund bebte zurück Und schlauen Mäklern verkaufte ihr Glück, Die etwas Andres noch suchen wollte, Als das Herz, das sie beglücken sollte. Auch jener stille Herzensbund Erblüht im grünen Waldesgrund, Auch jene Liebe, so treu und klar, Wie Gottesweise auf dem Altar, Wie stand sie vor den stolzen Thoren Der Welt, so fremd und unbekannt, Gleich einem Pilger aus fernem Land, Der seines Weges Ziel verloren, Und keine Herberg finden kann, Gezeichnet wie von Acht und Bann! (...) Wie schön ist's, daß die Liebe legen In Gottes Hand darf ihren Schwur, In diese Hand, die einzig nur Verleihen kann den rechten Segen Und über ihr im Sturme wild Treu hält der Gnade festen Schild. Wie bald im schwachen Menschenherzen Trübt sich der frische Lebensquell, Dort in der Wüste voll Sorg' und Schmerzen Verrinnet er im Sande schnell, Und hier in des Glückes berauschender Lust Verweht er gleich flüchtigem Blumenduft. Wie sehnt sich jede rechte Liebe, Vereint zu sein in Gottes Schooß, Auf daß sie hier geborgen bliebe Vor der Vernichtung herbem Loos, Und Kraft und Fülle stets auf's Neue Empfängt von seiner ew'gen Treue. O schöner Tag, als Albrecht geleitet Die theure Braut vor Gottes Altar, Nur von dem treusten Freund begleitet Und von der Eltern geliebtem Paar! In jenem Kirchlein still und enge, Wo Agnes einst aus des Festes Gedränge Geflüchtet zu des Heilands Füßen Mit ihres Herzens bangem Streit, Steht jetzt der Priester fromm bereitet Mit Gottes Wort sie zu begrüßen, Und mit der Kirche heil'gem Segen Vereint ihre Hände zusammen zu legen. O süßes Wort, mein Weib bist Du! O schöner Trost: Du bist mein Mann! Ihr Lebensstürme braust heran, Mein Schifflein liegt in sichrer Ruh! Das Friedensufer ist erreicht, Wo alle heißen Wünsche schweigen, Wo von des Lebensbaumes Zweigen Die Frucht sich uns entgegen neigt, Wo einmal noch dem leisen Hoffen Stehn Edens goldne Pforten offen. (...) Komm, süßes Lieb! nicht länger decken Darf Dich die hei'ge Einsamkeit Und deiner Schönheit Herrlichkeit Nicht mehr dem Blick der Welt verstecken; Ich muß an's Licht das Kleinod ziehn, Das mir ein guter Gott verliehn, Nicht darf es länger allein mich freu'n, Weit soll es glänzen und Segen streu'n. - Laß mich den schönen Leib Dir schmücken Mit Seide, Gold und Silber klar, Laß mich Dir in das blonde Haar Das Diadem der Fürstin drücken, Wirf an des Bürgerkindes Kleid Und hüll' Dich in den Purpurmantel, Nur wahre treu und sonder Wandel Mir deiner Liebe Seligkeit. Also zu seiner Agnes spricht Albrecht, nach jenem Banngericht, Wo seine Liebe ward verhöhnt, Und er sie trotz Schmach und Schande gekrönt! Geschmückt, auf schimmernd weißem Zelter, Als eine strahlende Königin, Führt er sein Lieb durch Berg' und Felder Zum hohen Schlosse Straubing hin; Hier öffnet er ihr den fürstlichen Saal Und giebt ihr Diener sonder Zahl, Stellt sie in seines Volkes Mitte Als Herrscherin des Landes dar; Er will, daß jedem ihrer Schritte Folgt eine Freuden- und Ehren-Schaar, Er möcht' ein Zauberreich erschließen Um sie, voll Glanz und Herrlichkeit; Es sollen Blumen dem Boden entsprießen, Den küßt der Saum von ihrem Kleid, Er möcht' ihr legen die Welt zu Füßen Als seine Königin sie zu grüßen! Und Agnes, gehorsam ihrem Herrn, Ist aus dem stillen Gottesfrieden Der grünen Einsamkeit geschieden, Wo sie mit ihm geweilt so gern, Wo sie von ew'gen Glück geträumt, Von Morgenroth und Licht umsäumt; Doch schien es ihr, als ob dies Glück Blieb unter diesen Blumen zurück. Von trüber Ahnung ist erfüllet Ihr frommes Herz und allzubald Hat ihr die Welt, so rauh und kalt, Den argen Bruch mit ihr enthüllet, Den Albrechts Hand ihr zugedeckt Mit seiner Liebe reichen Blüthen; Nicht kann sein treues Herz verhüten Was aus dem seligen Traum sie weckt; Sie muß erfahren den schweren Streit, In welchem sie Vater und Sohn entzweit. (...) Im hohen Saale versammelt war Der Kläger und Richter große Schaar, Agnes in ihrer Mitte stand Wie eine scheue, bange Taube, Die blut'gen Geiern ward zum Raube. Gleich einer gift'gen Schlange wand Die Lüge sich im list'gem Kreise, Umstrickend eng die Reine, Weiße; Oft trieb des edlen Zornes Glut In ihrer zarten Wangen das Blut; Doch groß und still sie überwand - Auf's pochende Herz drückt sie die Hand Und dachte wie Christus stand so mild, Wie sanft er Schmach und Hohn getragen, Als seine Feinde rauh und wild In's heil'ge Antlitz ihn geschlagen! Das Sündenregister verlesen war Und Jedem schien das Scheußlichste klar, Und Keiner las die reine Schrift, Die in der edlen Dulderin Züge Ohn' alles Falsch und ohne Lüge, Geschrieben eines Engels Stift. Der Richter erhob sich streng und kalt Und redet' an die süße Gestalt: Ich muß in des Herzogs Namen Dich fragen, Ob seinem Sohn, den Ehgemahl Du lästernd nennst, hier willst entsagen? Dann wird Dir leuchten der Gnade Strahl Und alle Deine große Schuld Mit Schweigen bedecken die fürstliche Huld. - Ich weiß von keiner Schuld, begann Das edle Weib mit sanftem Munde, Gott helfe mir in dieser Stunde! Mein Herr und mein Gebieter kann Mit seinem Willen einzig nur Mich lösen heißen der Treue Schwur, Den ich an Gottes Altar habe Geleistet ihm, den ich empfing Von ihm mit seiner Liebe Ring, Der fest uns bindet bis zum Grabe; Er weilt mir fern, doch über mir Glänzt seiner Liebe Siegspanier Sein Geist durchglüht mein armes Wort Und lehrt mich, daß mit fester Seele Ich nur in seinem Sinne wähle Und weise eure Gnade fort. Eh' mögt Ihr mich zum Tode jagen, Eh' daß ich werde dem Trauten entsagen! Ein schadenfrohes Lächeln stieg Erschreckend in des Richters Züge, Des Mitleids Himmelsstimme schwieg Und frecher wagte sich die Lüge Mit ihrem schwarzen Höllenplan An's Haupt der Dulderin heran. Wohlan! so bleibt Dir keine Wahl, Dein wartet des nahen Todes Qual; Du mußt die Zauberkünste nennen, Womit Du listig, unerhört, Des Herzogs Sinne hast verstört; Du mußt den Höllenzwang bekennen, Mit dem gefesselt Du seine Seele, Den Zauberborn uns nicht verhehle, Aus dem geschöpfet Du den Trank, Der ihn gemacht so liebekrank, Den Hexenstab, womit Du gehalten Ihn hast mit teuflischen Gewalten. Erwartend Alles im Kreise schaut Hin auf die schöne Teufelsbraut; Ein leises, seliges Lächeln schwebt Um ihre Lippen, erröthend hebt Empor sie das edle Angesicht, So hell umglänzt von der Unschuld Licht. Wie leicht wird's mir, auf solche Fragen Der rechte Antwort Euch zu sagen: Das Brünnlein sei Euch schnell genannt, Aus dem der süße Zauber quillet, Das selbst Gott Vater mir gefüllet Mit Lebensthau bis an den Rand. Es ist das tiefe Frauenherz, In welchem stets voll Freud' und Schmerz Der Liebe reiche Wogen schwellen In immer neuen, frischen Wellen; Aus diesem Born allein nur habe Geschöpfet ich für meinen Herrn Bei Tag und Nacht die frische Labe, Die er empfing von mir so gern, Die ihn erfrischt beim heitren Mahl, Die ihn gestärkt beim heißen Strahl Der Sonne, die seines Lebens Blüthen Gepflegt für seiner Augen Lust, Zur Zierde seiner Heldenbrust; Des Himmels gute Engel hüten Die ew'ge Fluth, daß selbst am Grabe Sie noch ihm beut der Treue Labe. Und soll den Wunderstab ich Euch, Das Kleinod meines Lebens zeigen? - O, falsche, wüste Hölle fleuch! Und wolle Dich bezwungen neigen. - Ein andachtsvoller Schauer flog Um ihre Stirne, bebend zog Sie aus des Kleides leichtem Flor Ein Kreuz und hielt es fromm empor: Das ist der heil'ge Wunderstab, Zu welchem ich voll Glauben hab' In jedem Sturm das Herz gerettet, Wenn es die Sünde hielt umkettet; Von ihm die Kraft des Himmels floß, Die über des Geliebten Leben Das segensreiche Manna goß, Das Freud' und Fülle ihm gegeben; Ihn pflanzt' ich vor seines Hauses Schwelle, Da ward es drinnen schön und helle, Da zogen die Engel bei uns ein Mit ihres Friedens Himmelsschein. Wenn betend zusammen wir ihn umwanden, Die bösen Geister schnell entschwanden; Wenn banges Zagen mich befallen, Dann haucht' es zu mir neuen Muth, Daß in der Liebe Himmelsgluth Ich siegend konnte weiter wallen Und des Geliebten Seele heben Mit mir empor zum ew'gen Leben! Auch jetzt, auch jetzt von ihm allein Hoff' ich ein gnädiges Verzeih'n, Und daß der helle Siegesstrahl, Der leuchtet durch das Todesthal, Von meinem Grabe segnend fließe Und Trost in seine Seele gieße. (...) Da, sieh! ein junger Priester tritt Zur Betenden mit leisem Schritt, Sein dunkles Auge wehmuthvoll Sich heftet auf ihre reine Schöne, Und seine weiche Stimme schwoll Zu ihr heran wie Glockentöne: Und bist Du so von ihm durchdrungen, Der aller Seelen Trost und Ruh, Dann eil' ihm schnell auf immer zu Und halte stets sein Kreuz umschlungen. Das Kloster beut Dir einen Port Und sichert Dir dein junges Leben, O, woll' es ihm zu eigen geben; Horch, wie Dir ruft sein Trosteswort! Reiß ab, reiß an das sünd'ge Herz, Reiß ab es von der ird'schen Liebe; Kehr' ganz die Seele himmelwärts, Auf daß sie dort gerettet bliebe! Wasch ab des Lebens dunkle Schuld Alltäglich in den stillen Mauern, Wo unter heil'gen Wonneschauern Dich grüßet deines Gottes Huld; Komm - komm! die Kirche voll Erbarmen Umschließet Dich mit ihren Armen! Als Sünderin willst Du verderben? Und kannst dereinst als Heil'ge sterben! Still sinnend die Bedrohte stand Und horcht dem Ruf - ob er gesandt Von Gott, ihr zeigte die letzte Wahl In ihrer bangen Todesqual - Doch mehr noch ihre Wange blaßt Und wie von Grabeshauch umfaßt, Kehrt sie sich von dem Priester fort: Weh mir! vergebens ruft dein Wort! Du willst mit Himmelsgut mich locken Von meiner süßesten Erdenpflicht - O, bleibe fern - Dir glaub' ich nicht, Falsch klingen deine frommen Glocken. Wie könnt' ich beten, wo Sünde heißt, Was sterbend noch meine Lippe preist? - Es würde mein Herz der Lüge zum Raube Und höhnte den Gott, an welchen ich glaube, Wenn ich abschwüre wie eine Schuld, Was er mir schenkte mit Vaterhuld. - Im Kloster nicht, an des Gatten Seite Ist meine Stelle im Lebensstreite, Sein Herz allein ist der Altar, Auf welchem bräutlich rein und klar Die keusche Liebesflamme loht, Die Gott als Opfer mir gebot. Zu enge sind des Klosters Mauern Für dieser Liebe mächt'gen Zug, Sie würde sehnend dort vertrauern Und siechen hin im frommen Trug; Nein, lieber soll sie frei und groß Auffahren in Allvaters Schooß, Und hat die Erde sie verbannt, Sich suchen dort oben ihr Heimathland. Sie scheuet nicht, das ew'ge Gut Den finstern Mächten abzuringen Und in des letzten Kampfes Glut Zu prüfen ihre Himmelsschwingen. Wohl ist sie stärker als der Tod, Fest wie die Hölle ist ihr Eifer, Sie trotzet ihrem gift'gen Geifer Und folgt dem mächtiger'n Gebot. Denn, eine Flamme von dem Herrn, Steigt sie hinauf, ein ew'ger Stern! Nicht Ströme können sie ersäufen, Nicht Wasser löschen ihre Glut; Drum mögt Ihr mich von hinnen schleifen Und stürzen in die Todesfluth, Laut übertönt der Wogen Schwall Des hohen Liedes Siegesschall! Hell leuchtend schwebet über mir Ihr starkes mächtiges Panier. Mit ihm will ich es freudig wagen, Es wird mich rettend aufwärts tragen - Und schützend auf den Liebling schau'n Werd' ich aus freien Sternenau'n! - (...)   aus: Agnes Bernauer Gedicht von Katharina Diez Berlin 1857

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