Märchen

by Else Gube

[73] Märchen. Es geht im Volksmund eine alte Mär: – Im Waldesgrunde sei ein schöner Prinz zum Quell verwandelt einst durch Zauberspruch, weil er des Weibes Liebe leugnete

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und lachend sagte: „Keine Frau ist treu.“

Die Sage, daß bei klarem Vollmondschein ein reines Mägdlein den verwunschenen Wald aufsuchen müsse, um mit einem Trunk den Bann zu lösen, drang auch an mein Ohr;

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und heimlich, aber um so mächtiger,

nährt ich in mir den glühendheißen Wunsch, ihn zu befrein und – zu bekehren dann .... ’s war Winternacht. Am Himmel stand der Mond, rings Sterne, strahlend hell im Silberkranz;

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die Erde deckte längst ein Leichentuch,

und Eisespanzer hielten See und Quell in starrer Hast, wie alles um mich her. [74] Nur ich war frei! Frei wie der Aar, der hoch dort oben in den Lüften kreist am Tag

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und stolz herniederblickt auf das Gewürm,

das auf der Erde kriecht im Alltagsstaub. Ich hatte oft der Mär vom Quell gedacht, sogar wenn ich an Flüssen, Strömen stand, fiel sie mir ein, und Sehnsucht namenlos

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erfaßte mich – und seis ein einzig Mal –

aus ihm zu trinken einen tiefen Zug; denn durstgequält war ich bei Tag und Nacht. Ach, nach der Quelle zogs mich mit Gewalt dämonisch hin wie niemals noch zuvor.

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Rings tiefes Schweigen. Nur ein Windhauch strich

durch alte Föhren; welkes Eichenlaub und Zweige vom Novembersturm zerknickt zertrat mein Fuß, der hastend vorwärts schritt zu dem so lang, so heiß ersehnten Ziel.

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Ein Grenzpfahl ragte geisterhaft empor,

wo das Gelände von dem Zauberwald geschieden ist von Hirschpark, gerad als wollt er sagen mir: „Bedenke, was du tust, mit Beten und Fasten kannst du nicht

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verlöschen mehr den Schritt, wenn er getan.“

Und lange, lange stand ich sinnend da. [75] Klar wollt ich sein, ob auch die Neugier nur, vielleicht der Reiz, Verwunschenes zu sehn, mich herzog. Ach, daß es ganz anders war,

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ahnt ich noch nicht, da mir die Liebe ja

fremd bis zu jener heilgen Stunde bleib. Da endlich, endlich war ich mir bewußt, weshalb ich ging. Verlangen heftete sich an die Fersen mir; beflügelte,

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wenn es noch möglich war, den raschen Schritt,

denn rastlos, haltlos, leidenschaftdurchbebt strebt ich zum Ziel, dem demantklaren Quell. Still lag er vor mir in des Winters Bann, der ihn mit weißem, eisig kaltem Arm

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gefangen hielt. Ich aber neigte mich,

den Kampf zu wagen mit dem strengen Herrn, zu ihm hinab und preßte meinen Mund, die Lippen, glühendheiß von Durst gequält, so lang darauf, bis daß das Eis zerschmolz,

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bis daß der Winterschnee vor mir entfloh;

bis ich den Trunk, nach dem ich mich so heiß, verschmachtend fast gesehnt, jetzt lechzend trank.... Ich hab den Quell im Zauberwald für mich jetzt aufgeküßt aus tiefem Winterschlaf,

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befreit vom Bann, der lange auf ihm lag.

[76] Und mit der Menschenseele, die ich ihm einhauchte, löste ich den Zauberbann und gab ihm jenen schönen Glauben wieder an etwas Heilges, den er längst verlor:

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den Glauben an das Weib und seine Liebe.

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