An Lukianos

by Kurt Tucholsky

[1]
An Lukianos

Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse! Zweitausend Jahre – welche Zeit! Du wandeltest im Fürstentrosse, du kanntest die Athenergosse

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und pfiffst auf alle Ehrbarkeit.

Du strichst beschwingt, graziös und eilig durch euern kleinen Erdenrund – Und Gottseidank: nichts war dir heilig,           du frecher Hund!

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Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen!

Wir haben zwar die Eisenbahn – doch auch dieselben Hurenkissen, dieselbe Seele, jäh zerrissen von Geld und Geist – du lebst, Lucian!

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Noch heut: das Pathos als Gewerbe

verdeckt die Flecke auf dem Kleid. Wir brauchen dich. Und ist dein Erbe noch frei, wirfs in die große Zeit!

[2]
Du warst nicht von den sanften Schreibern.
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Du zogst sie splitternackend aus

und zeigtest flink an ihren Leibern: es sieht bei Göttern und bei Weibern noch allemal der Bürger raus. Weil der, Lucian, weil der sie machte. –

25
So schenk mir deinen Spöttermund!

Die Flamme gib, die sturmentfachte! Heiß ich auch, weil ich immer lachte,           ein frecher Hund!

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