Liebebedürfniß

by Johann Wolfgang Von Goethe

     Wer vernimmt mich? ach! wem soll ich’s klagen? Wer’s vernähme, würd’ er mich bedauern? Ach! die Lippe, die so manche Freude Sonst genossen hat und sonst gegeben,

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Ist gespalten, und sie schmerzt erbärmlich.

Und sie ist nicht etwa wund geworden, Weil die Liebste mich zu wild ergriffen, Hold mich angebissen, daß sie fester Sich des Freunds versichernd ihn genösse:

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Nein, das zarte Lippchen ist gesprungen,

Weil nun über Reif und Frost die Winde Spitz und scharf und lieblos mir begegnen.      Und nun soll mir Saft der edlen Traube, Mit dem Saft der Bienen, bey dem Feuer

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Meines Herds vereinigt, Lind’rung schaffen.

Ach was will das helfen, mischt die Liebe Nicht ein Tröpfchen ihres Balsams drunter?

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