Leichter Sinn

by Carl Ferdinand Dräxler-Manfred

Es sprach die Feder heut: O sag, mein Lieber, Ist denn die Liederzeit Bei dir vorüber? Bin ich dir denn zu klein Zum Liebesdienste; Sind Küsse denn allein Jetzt deine Künste? "O schweige still, mein Kind, Und sei gewärtig; Mit einem Mal oft sind Viel Lieder fertig. Doch Küsse schmäle nicht, Die Liedern gleichen, So still die Seele spricht In Lippenzeichen." (S. 238) 2. Abends wenn durch blaue Höhen Geht das stille Sternenheer, Kommt die lieblichste der Feen Aus den Wolken zu mir her; Ihre süßen Augen blicken Wie zwei Strahlen in die Nacht, Ihre Lippen, sie entzücken Mir das Herz mit Zaubermacht. Leise flüstert sie mir Jenes, Und von Diesem spricht sie süß: Was sie denken mag ist Schönes, Was sie gibt ein Paradies. In die trunk'nen Arme pressen Möcht' ich für und für mein Glück, Riefe neidisch sie indessen Nicht die Mitternacht zurück. Und sie weilt in holder Säumniß, Sagt mir schnell dann Lebewohl, Weil die Welt um das Geheimniß Uns'res Glücks nicht wissen soll; - Ahnte die, was in den Tagen Meines Frohsinns Quelle sei, Würde sie die Nächte fragen - Und der Zauber wär vorbei. (S. 239-240) 3. Was Frühling und Gesang Und Sonnenlicht, Ihr machtet mir nur bang, Wär Liebe nicht! Zwar ist die Blume schön, Die Welle klar, Und Nachtigallgetön Gar wunderbar. Doch vollen Zauber gibt Erst Liebe euch; Es fühlt sich, wer verliebt, Den Göttern gleich. Ihm singt die Nachtigall In Hymnen Glück, Es spiegelt Wasserfall Ihm Glück zurück; Glück deutet ihm das Grün, Des Himmels Blau, Und Glück ist rings um ihn, Wohin er schau'. Und schlummert er, so lullt Das Glück ihn ein, Von Engeln und von Huld Träumt er allein. Und stirbt er, so war Glück Sein Lebenslauf, Und jenseits schlägt den Blick Er glücklich auf. (S. 240-241) 4. Eine gute Nacht Hab ich jüngst gefunden, Eine süße Fracht Holdverträumter Stunden. Engel hatten Acht Ueber mich im Traume, Einer küßte sacht Mich am Lippensaume. Morgens aufgewacht, Hab ich süßbeklommen Leise nachgedacht, Wie das all gekommen? Und es fiel mir ein, Was die Liebste sagte, Als ich über mein Scheidenmüssen klagte. Süß rief sie den Gruß Gute Nacht! bei'm Trennen, Und dies Wörtlein muß Wunder wirken können. (S. 241-242) 5. Erst küßt' ich galant Dir die weiße Hand, Wußte vorzuflöten Dir von Liebesnöthen; Stiller ward ich dann, Seufzte dann und wann, Küßte deine Stirne, Daß sie mir nicht zürne. Jetzt ist Glück mein Loos Und der Jubel groß, Denn im Liebesbunde Küss' ich dich am Munde. Geht das Ding so fort, Werd' ich ohne Wort Nächstens, Liebchen, müssen Deine - Seele küssen. (S. 242-243) 6. Du von allen Wesen Warst mir auserlesen, Um den Wetterwendigen Also sanft zu bändigen, Daß er jetzt in Treue Dir allein nur glüht, Und in dir die Weihe Seines Lebens sieht. Schmetterling, der bunte, Macht die Blumenrunde: Aber kommt der flüchtige An die schöne, züchtige Blumenfürstin Rose, Um die still er wirbt, Dauert sein Gekose Bis mit ihr er stirbt. Ihre Blätter fallen Mit den Reizen allen; Unter den gesunkenen Seht ihr auch den Trunkenen Liegen todt im Staube, Weil's kein schön'res Grab Als im Rosenlaube Für den Falter gab. (S. 243-244) 7. Mein Kind, du bist schön, Und das ist viel, Doch Reize vergehn Im Liebespiel. Schön ist auch der Mai Und schwindet doch: Sind Reize vorbei, Was bleibt dir noch? Mein Kind, du bist gut, Und das ist mehr: Auf Güte beruht Die Liebe sehr. Sie gleicht einer Blüte Im Himmelslicht, Doch richtet die Güte Noch Alles nicht. Lieb bist du, mein Kind, Das gilt zumeist, Denn das nur gewinnt Dir Leib und Geist. Das macht mich so heiter, Und hält mich fest, Weil es an nichts weiter Mich denken läßt. (S. 244-245) 8. Noch ein Lied, noch ein Lied, Nur nicht geschwiegen! Rose blüht, Herz entglüht Voll von Vergnügen. Wer noch erst trübe war, Lenz weiß zu siegen, - Glückliche Liebe war Niemals verschwiegen; Schlürft all die Seligkeit In vollen Zügen, Bis ihre Fröhlichkeit Liedern entstiegen; Liedern, die liebewarm Plaudern und lügen, Wie dich der Liebe Arm Süß weiß zu wiegen. Solchem verliebten Brauch Mußt du dich fügen, Und deiner Liebe auch Singend genügen! (S. 245-246) 9. Als ich mich verliebte War es Winter, kalt, Doch die Liebe übte Frühlingswunder bald. Nun der Lenz in klarer Schönheit kam herein, Ward ein wunderbarer Doppelfrühling mein. Den ich fühle Einer, Einer den ich seh'; Wer vergliche meiner Seligkeit sich je? Muß der Eine flüchten, Weiß der Andre treu Stets mir vorzudichten Blüthe, Duft und Mai. Beide Lenzgewalten Ueben süße Lust, Daß sich kaum zu halten Weiß die trunk'ne Brust. Doch statt zu verstummen, Gibt es Saus und Braus: Jener schlägt in Blumen, Der in Lieder aus. (S. 246-247) 10. Eine Rose, Die aus grünem Mose Sanft das Köpfchen mir entgegen wiegte, Pflückt' ich eilig, Als ich heimlich neulich Mich zu dir, mein süßes Lieb, verfügte. Insgeheime Flüstert mir die Kleine, Fröhlich, bald sich an dich anzuschließen: Ihr mich geben Heißt so viel doch eben Als ein Tröpflein in das Meer zu gießen. Angekommen, Hast du sie genommen, Sie an deinen Busen zu erheben; Da verklärte Die Beneidenswerthe Sich in Glanz und sprach mit Wonnebeben: Erst im Grünen Stand ich, und es schienen Mir die Lüfte doch so kalt zu wehen: Nun im Schnee Stehen ich mich sehe, Möcht' ich doch vor heißer Luft vergehen. (S. 248-249) 11. In schattigen Locken Ein Engelgesicht, Die Stimme wie Glocken, Das Auge wie Licht; Im Kinne ein Grübchen, Mein reizendes Liebchen, Wer kennte dich nicht? Oft dünkt mich ein Scherz nur Mein süßes Geschick: Mir poche dieß Herz nur, Mir flamme dein Blick. Die Brust wird mir enge, Ich denke Gesänge Und spreche Musik. Doch wie es gekommen Dieß Glück ohne Maaß? Ich werde beklommen Fragt ihr mich um das. Mein Segen genügt mir, Und endlich was liegt mir Am Wie und am Was! (S. 249-250) 12. Tage ohne dich, Leere, liebelose: Glück, verschone mich Mit so hartem Lose! Saget an, wer kann Erst in Lust sich senken, Und gleichgültig dann An's Entbehren denken? Jeder Tag bei dir, Gleicht dem Blatt, dem schönen, Das mit Liedern mir Füllen die Kamönen. Ohne dich ein Tag Gleicht dem leeren, blanken, Das vergebens mag Harren der Gedanken. Sieh', wie Ruhm und Glück Du in dir vereinest, Wenn du meinem Blick Tag für Tag erscheinest. (S. 250-251) 13. Die Liebste küßte mich, Das heißt: Gib doch zur Ruhe dich, Du Plaudergeist! Nicht Alles sag' der Welt, Sei still: Es schweige, wer gefällt Und küssen will. Ich schweige, weil ich soll Und muß: Fürwahr ein süßer Zoll Ist solch ein Kuß. Da gibt's zu denken kaum Mehr Zeit, Zu sehen keinen Raum Als Lippenbreit; Zu fühlen, was ein Arm Umspannt, Was liebezitternd warm Drückt eine Hand. Die Lieder enden still Die Reih'n: Es läßt, wer küssen will, Das Singen sein! (S. 251-252) aus: Gedichte von C. Dräxler-Manfred Frankfurt am Main 1838 Druck und Verlag von Johann David Sauerländer

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