Lebenslied

by Hugo von Hofmannsthal

[15]
LEBENSLIED

Den Erben laß verschwenden An Adler, Lamm und Pfau Das Salböl aus den Händen Der toten alten Frau!

5
Die Toten, die entgleiten,

Die Wipfel in dem Weitem – Ihm sind sie wie das Schreiten Der Tänzerinnen wert! Er geht wie den kein Walten

10
Vom Rücken her bedroht.

Er lächelt, wenn die Falten Des Lebens flüstern: Tod! Ihm bietet jede Stelle Geheimnisvoll die Schwelle;

15
Es gibt sich jeder Welle

Der Heimatlose hin. Der Schwarm von wilden Bienen Nimmt seine Seele mit; Das Singen von Delphinen

20
Beflügelt seinen Schritt:

Ihn tragen alle Erden Mit mächtigen Gebärden. Der Flüsse Dunkelwerden Begrenzt den Hirtentag!

25
Das Salböl aus den Händen

Der toten alten Frau Laß lächeln ihn verschwenden An Adler, Lamm und Pfau:

[16]
Er lächelt der Gefährten. –
30
Die schwebend unbeschwerten

Abgründe und die Gärten Des Lebens tragen ihn.

More poems by Hugo von Hofmannsthal

All poems by Hugo von Hofmannsthal →