Lauf der Welt

by Ludwig Uhland (1787–1862) · 1913 German

An jedem Abend geh' ich aus,
Hinauf den Wiesensteg.
Sie schaut aus ihrem Gartenhaus,
Es stehet hart am Weg.
Wir haben uns noch nie bestellt,
Es ist nur so der Lauf der Welt.

Ich weiß nicht, wie es so geschah,
Seit lange küß' ich sie.
Ich bitte nicht, sie sagt nicht: Ja!
Doch sagt sie: Nein! auch nie.
Wenn Lippe gern auf Lippe ruht,
Wir hindern's nicht, uns dünkt es gut.

Das Lüftchen mit der Rose spielt,
Es fragt nicht: Hast mich lieb?
Das Röschen sich am Taue kühlt,
Es sagt nicht lange: Gib!
Ich liebe sie, sie liebet mich,
Doch keines sagt: Ich liebe dich! (S. 23)

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