Idylle

by Hugo von Hofmannsthal

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IDYLLE

NACH EINEM ANTIKEN VASENBILD: ZENTAUR MIT VERWUNDETER FRAU AM RAND EINES FLUSSES (Der Schauplatz im Böcklinschen Stil. Eine offene Dorfschmiede. Dahinter das Haus, im Hintergrunde ein Fluß. Der Schmied an der Arbeit, sein Weib müßig an die Türe gelehnt, die von der Schmiede ins Haus führt. Auf dem Boden spielt ein blondes kleines Kind mit einer zahmen Krabbe. In einer Nische ein Weinschlauch, ein paar frische Feigen und Melonenschalen.)      DER SCHMIED Wohin verlieren dir die sinnenden Gedanken sich, Indes du schweigend mir das Werk, feindselig fast, Mit solchen Lippen, leise zuckenden, beschaust?      DIE FRAU Im blütenweißen, kleinen Garten saß ich oft,

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Den Blick aufs väterliche Handwerk hingewandt,

Das nette Werk des Töpfers: wie der Scheibe da, Der surrenden im Kreis, die edle Form entstieg, Im stillen Werden einer zarten Blume gleich, Mit kühlem Glanz des Elfenbeins. Darauf erschuf

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Der Vater Henkel, mit Akanthusblatt geziert,

Und ein Akanthus-, ein Olivenkranz wohl auch Umlief als dunkelroter Schmuck des Kruges Rand. Den schönen Körper dann belebte er mit Reigenkranz

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Der Horen, der vorüberschwebend lebenspendenden
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Er schuf, gestreckt auf königliche Ruhebank,

Der Phädra wundervollen Leib, von Sehnsucht matt, Und drüben flatternd Eros, der mit süßer Qual die Glieder füllt. Gewaltgen Krügen liebte er ein Bacchusfest Zum Schmuck zu geben, wo der Purpurtraubensaft

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Aufsprühte unter der Mänade nacktem Fuß

Und fliegend Haar und Thyrrusschwung die Luft erfüllt. Auf Totenurnen war Persephoneias hohes Bild, Die mit den seelenlosen, roten Augen schaut, Und Blumen des Vergessens, Mohn, im heiligen Haar,

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Das lebensfremde, asphodelische Gefilde tritt.

Des Redens wär kein Ende, zählt ich alle auf, Die göttlichen, an deren schönem Leben ich – Zum zweiten Male lebend, was gebildet war – An deren Gram und Haß und Liebeslust

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Und wechselndem Erlebnis jeder Art

Ich also Anteil hatte, ich, ein Kind, Die mir mit halbverstandener Gefühle Hauch Anrührten meiner Seele tiefstes Saitenspiel, Daß mir zuweilen war, als hätte ich im Schlaf

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Die stets verborgenen Mysterien durchirrt

Von Lust und Leid, Erkennende mit wachem Aug. Davon, an dieses Sonnenlicht zurückgekehrt, Mir mahnendes Gedenken andern Lebens bleibt Und eine Fremde, Ausgeschloßne aus mir macht

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In dieser nährenden, lebendgen Luft der Welt.

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     DER SCHMIED

Der Sinn des Seins verwirrte allzu vieler Müßiggang Dem schön gesinnten, gern verträumten Kind, mich dünkt. Und jene Ehrfurcht fehlte, die zu trennen weiß, Was Göttern ziemt, was Menschen! Wie Semele dies,

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Die töricht fordernde, vergehend erst begriff.

Des Gatten Handwerk lerne heilig halten du, Das aus des mütterlichen Grundes Eingeweiden stammt Und, sich die hundertarmig Ungebändigte, Die Flamme, unterwerfend, klug und kraftvoll wirkt.      DIE FRAU

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Die Flamme anzusehen, lockts mich immer neu,

Die wechselnde, mit heißem Hauch berauschende.      DER SCHMIED Vielmehr erfreue Anblick dich des Werks! Die Waffen sieh, der Pflugschar heilige Härte auch, Und dieses Beil, das wilde Bäume uns zur Hütte fügt.

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So schafft der Schmied, was alles andre schaffen soll.

Wo duftig aufgeworfne Scholle Samen trinkt Und gelbes Korn der Sichel dann entgegenquillt, Wo zwischen stillen Stämmen nach dem scheuen Wild Der Pfeil hinschwirrt und tödlich in den Nacken schlägt,

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Wo harter Huf von Rossen staubaufwirbelnd dröhnt

Und rasche Räder rollen zwischen Stadt und Stadt, Wo der gewaltig klirrende, der Männerstreit Die hohe liederwerte Männlichkeit enthüllt: Da wirk ich fort und halt umwunden so die Welt

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Mit starken Spuren meines Tuens, weil es tüchtig ist.

     (Pause)      DIE FRAU Zentauren seh ich einen nahen, Jüngling noch, Ein schöner Gott mir scheinend, wenn auch halb ein Tier, Und aus dem Hain, entlang der Ufer, traben her.      DER ZENTAUR (einen Speer in der Hand, den er dem Schmied hinhält) Find ich dem stumpfgewordnen Speere Heilung hier

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Und neue Spitze der geschwungnen Wucht? Verkünd!

     DER SCHMIED Ob deinesgleichen auch, dich selber sah ich nie.      DER ZENTAUR Zum ersten Mal lockte mir der Lauf Nach eurem Dorf Bedürfnis, das du kennst.

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     DER SCHMIED

 Ihm soll

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In kurzem abgeholfen sein. Indes erzählst

Du, wenn du dir den Dank der Frau verdienen willst, Von fremden Wundern, die du wohl gesehn, wovon Hieher nicht Kunde dringt, wenn nicht ein Wandrer kommt.      DIE FRAU Ich reiche dir zuerst den vollen Schlauch: er ist

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Mit kühlem, säuerlichem Apfelwein gefüllt,

Denn andrer ist uns nicht. Das nächste Dürsten stillt Wohl etwa weit von hier aus beßrer Schale dir Mit heißerm Safte eine schönre Frau als ich. (Sie hat den Wein aus dem Schlauch in eine irdene Trinkschale gegossen, die er langsam schlürft.)      DER ZENTAUR Die allgemeinen Straßen zog ich nicht und mied

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Der Hafenplätze vielvermengendes Gewühl,

Wo einer leicht von Schiffern bunte Mär erfährt. Die öden Heiden wählte ich zum Tagesweg, Flamingos nur und schwarze Stiere störend auf, Und stampfte nachts das Heidekraut dahin im Duft,

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Das hyazinthne Dunkel über mir.

Zuweilen kam ich wandernd einem Hain vorbei, Wo sich, zu flüchtig eigensinnger Lust gewillt, Aus einem Schwarme von Najaden eine mir Für eine Strecke Wegs gesellte, die ich dann

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An einen jungen Satyr wiederum verlor,

Der syrinxblasend, lockend wo am Wege saß.

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     DIE FRAU

Unsäglich reizend dünkt dies Ungebundne mir.      DER SCHMIED Die Waldgebornen kennen Scham und Treue nicht, Die erst das Haus verlangen und bewahren lehrt.      DIE FRAU

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Ward dir, dem Flötenspiel des Pan zu lauschen?

     Sag!      DER ZENTAUR In einem stillen Kesseltal ward mirs beschert. Da wogte mit dem schwülen Abendwind herab Vom Rand der Felsen rätselhaftestes Getön,

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So tief aufwühlend wie vereinter Drang

Von allem Tiefsten, was die Seele je durchbebt, Als flög mein Ich im Wirbel fortgerissen mir Durch tausendfach verschiedne Trunkenheit hindurch.      DER SCHMIED Verbotenes laß lieber unberedet sein!      DIE FRAU

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Laß immerhin, was regt die Seele schöner auf?

     DER SCHMIED Das Leben zeitigt selbst den höhern Herzensschlag, Wie reife Frucht vom Zweige sich erfreulich löst. Und nicht zu andern Schauern über unsre Lebenswelle haucht.

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     DER ZENTAUR

So blieb die wunderbare Kunst dir unbekannt,

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Die Götter üben: unter Menschen Mensch,

Zu andern Zeiten aufzugehn im Sturmeshauch, Und ein Delphin zu plätschern wiederum im Naß Und ätherkreisend einzusaugen Adlerlust? Du kennst, mich dünkt, nur wenig von der Welt, mein Freund.      DER SCHMIED

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Die ganze kenn ich, kennend meinen Kreis,

Maßloses nicht verlangend, noch begierig ich, Die flüchtge Flut zu ballen in der hohlen Hand. Den Bach, der deine Wiege schaukelte, erkennen lern, Den Nachbarbaum, der dir die Früchte an der Sonne reift

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Und dufterfüllten lauen Schatten niedergießt,

Das kühle grüne Gras, es trats dein Fuß als Kind. Die alten Eltern tratens, leise frierende, Und die Geliebte trats, da quollen duftend auf Die Veilchen, schmiegend unter ihre Sohlen sich,

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Das Haus begreif, in dem du lebst und sterben sollst,

Und dann, ein Wirkender, begreif sich selber ehrfurchtsvoll, An diesen hast du mehr, als du erfassen kannst –, Den Wanderliebenden, ich halt ihn länger nicht, allein Der letzten Glättung noch bedarfs, die Feile fehlt,

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Ich finde sie und schaffe dir das letzte noch.

     (Er geht ins Haus.)

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DIE FRAU

Dich führt wohl nimmermehr der Weg hieher zurück. Hinstampfend durch die hyazinthne Nacht, berauscht, Vergissest meiner du am Wege, fürcht ich, bald, Die deiner, fürcht ich, nicht so bald vergessen kann.      DER ZENTAUR

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Du irrst: verdammt von dir zu scheiden, wärs,

Als schlügen sich die Götter dröhnend hinter mir Von aller Liebe dufterfülltem Garten zu. Doch kommst du, wie ich meine, mir Gefährtin mit, So trag ich solchen hohen Reiz als Beute fort,

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Wie nie die hohe Aphrodite ausgegossen hat,

Die allbelebende, auf Meer und wilde Flut.      DIE FRAU Wie könnt ich Gatten, Haus und Kind verlassen hier?      DER ZENTAUR Was sorgst du lang, um was du schnell vergessen hast?      DIE FRAU Er kommt zurück, und schnell zerronnen ist der Traum!      DER ZENTAUR

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Mit nichten, da doch Lust und Weg noch offen steht.
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Mit festen Fingern greif mir ins Gelock und klammre dich,

Am Rücken ruhend, mir an Arm und Nacken an! (Sie schwingt sich auf seinen Rücken, und er stürmt hellschreiend zum Fluß hinunter, das Kind erschrickt und bricht in klägliches Weinen aus. Der Schmied tritt aus dem Haus. Eben stürzt sich der Zentaur in das aufrauschende Wasser des Flusses. Sein bronzener Oberkörper und die Gestalt der Frau zeichnen sich scharf auf der abendlich vergoldeten Wasserfläche ab. Der Schmied wird sie gewahr; in der Hand den Speer des Zentauren, läuft er ans Ufer hinab und schleudert, weit vorgebeugt, den Speer, der mit zitternden Schaft einen Augenblick im Rücken der Frau stecken bleibt, bis diese mit einem gellenden Schrei die Locken des Zentauren fahren lässt und mit ausgebreiteten Armen rücklings ins Wasser stürzt. Der Zentaur fängt die Sterbende in seinen Armen auf und trägt sie hocherhoben stromabwärts, dem andern Ufer zuschwimmend.)

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