Hebelieder

by Carl Ferdinand Dräxler-Manfred

Die Geliebte, der ich lebe, Aller meiner Freuden Bild, Wurde mir nun auch zur Hebe, Die mir meinen Becher füllt. Ja, sie füllt ihn fröhlich singend, Daß entschwinde jeder Harm, Meinen Nacken süß umschlingend Mit dem weichen Lilienarm. Dann versucht mit süßen Lippen Sie des Trankes Feuerkraft, Seligkeit mir vorzunippen Aus dem rothen Rebensaft. Und bedünken will mich's immer, Roth geworden sei der Wein Von der Wangen Rosenschimmer Und der Lippen Wiederschein. Hebe Ganymeda, holdes Weib, Mit der vollen Schaale, Mit dem wunderschönen Leib Und dem Lustpokale! In der frohen Götter Schaar, In Kronions Saale: Sehen möcht' ich dich fürwahr In der Anmuth Strahle! Doch aus Liebe wünsch' ich's nicht, Nur aus Wißbegierde; Denn ich kenn' ein Angesicht Voll der Schönheitzierde, Angehörig einer Maid, Die dir gleich an Würde, Und die dich an Herrlichkeit Ueberstrahlen würde. Möge preisen dich der Sang Aller in der Runde, Weil du schenken kannst zu Dank Deinem Götterbunde: - Glaube, daß kein Wein so leicht Jemals besser munde, Als den mir mein Mädchen reicht In verliebter Stunde. Die Schenkin Was von seinen schönen Heben Je geträumt der Occident, Ist in Wirklichkeit gegeben Dem beglückten Orient. Seine Schenkin heiter lächelnd Füllt Hafisen den Pokal, Unterdeß ein Zefir fächelnd Ihr die Nackenhülle stahl. Reizend, wie man Hebe malte, Ueberfliegt sie Rosenschein, Und kein schön'res Bildniß stralte Jemals in den Wein hinein. Ihre Lippen und den Becher Bietet sie ihm liebevoll, Und der süßbewegte Zecher Weiß nicht, was er wählen soll? Was das Abendland erdachte Als ein schönes Ideal, Seht, im Morgenland erwachte Es im hellen Farbenstral. Gleichen will ich d'rum dem Persen Mit der Schenkin hold und fein: Bin ich doch so reich an Versen, Und das schönste Mädchen mein. Ob sie mich begeistern dürfte, Wenn sie mir zur Seite stand? - Ach, wer ihre Küsse schlürfte Und den Wein von ihrer Hand: Dem erwacht die Dichtergabe, Als ob Zauber sie erschuf, Und mir däucht, ein wenig habe Ich doch auch dazu Beruf. Toast Fröhlich lebe Meine Hebe, Die der Rebe Süßes Blut mir beut: Sie die Eine, Die dem Weine Gibt die reine Liebeseligkeit. Sei es westlich Oder östlich, Ach, so köstlich Ist, was sie kredenzt; Staunt, ihr Brüder, Immer wieder Wenn mein Lieder- Schmuck die Schöne kränzt! Biete süße Liebesküsse, Gieße, gieße Feuerreichen Wein: Nur die Spende Deiner Hände, Sie vollende Ganz mein Seligsein! Darum lebe Meine Hebe, Die der Rebe Süße Gluth nur beut: Sie die Eine, Die dem Weine Gibt die reine Liebeseligkeit! aus: Gedichte von C. Dräxler-Manfred Frankfurt am Main 1838 Druck und Verlag von Johann David Sauerländer (S. 232-237)

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