Harzreise im Winter

by Johann Wolfgang Von Goethe

     Dem Geyer gleich, Der auf schweren Morgenwolken Mit sanftem Fittich ruhend Nach Beute schaut,

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Schwebe mein Lied.

       Denn ein Gott hat Jedem seine Bahn Vorgezeichnet, Die der Glückliche

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Rasch zum freudigen

Ziele rennt: Wem aber Unglück Das Herz zusammenzog, Er sträubt vergebens

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Sich gegen die Schranken

[194] Des ehernen Fadens, Den die doch bittre Schere Nur Einmal lös’t.        In Dickichts-Schauer

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Drängt sich das rauhe Wild,

Und mit den Sperlingen Haben längst die Reichen In ihre Sümpfe sich gesenkt.        Leicht ist’s folgen dem Wagen,

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Den Fortuna führt,

Wie der gemächliche Troß Auf gebesserten Wegen Hinter des Fürsten Einzug.        Aber abseits, wer ist’s?

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In’s Gebüsch verliert sich sein Pfad,

Hinter ihm schlagen Die Sträuche zusammen, Das Gras steht wieder auf, Die Öde verschlingt ihn.   [195]

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     Ach wer heilet die Schmerzen

Deß, dem Balsam zu Gift ward? Der sich Menschenhaß Aus der Fülle der Liebe trank! Erst verachtet, nun ein Verächter,

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Zehrt er heimlich auf

Seinen eignen Werth In ung’nügender Selbstsucht.        Ist auf deinem Psalter, Vater der Lieb, ein Ton

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Seinem Ohre vernehmlich,

So erquicke sein Herz! Öffne den umwölkten Blick Über die tausend Quellen Neben dem Durstenden

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In der Wüste.

       Der du der Freuden viel schaffst, Jedem ein überfließend Maß, Segne die Brüder der Jagd Auf der Fährte des Wilds,

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Mit jugendlichem Übermuth

Fröhlicher Mordsucht, Späte Rächer des Unbilds, Dem schon Jahre vergeblich Wehrt mit Knütteln der Bauer.  

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     Aber den Einsamen hüll’

In deine Goldwolken, Umgib mit Wintergrün, Bis die Rose wieder heranreift, Die feuchten Haare,

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O Liebe, deines Dichters!

       Mit der dämmernden Fackel Leuchtest du ihm Durch die Furten bey Nacht, Über grundlose Wege

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Auf öden Gefilden;

Mit dem tausendfarbigen Morgen Lachst du in’s Herz ihm; Mit dem beißenden Sturm Trägst du ihn hoch empor;

[197]
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Winterströme stürzen vom Felsen

In seine Psalmen, Und Altar des lieblichsten Danks Wird ihm des gefürchteten Gipfels Schneebehangner Scheitel,

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Den mit Geisterreihen

Kränzten ahnende Völker.        Du stehst mit unerforschtem Busen Geheimnißvoll offenbar Über der erstaunten Welt,

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Und schaust aus Wolken

Auf ihre Reiche und Herrlichkeit, Die du aus den Adern deiner Brüder Neben dir wässerst.

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