Gebet des Zeitungslesers
Du lieber Gott, so hör mein leises Flehen! Tu auf den Packen hier heruntersehen! Du lieber Gott, ich pfeif am letzten Loche: das sind die Zeitungen von einer Woche!
Vom Bürgerkrieg bei Nord- und Südchinesen; vom Turnerfest mit Grätsche und mit Kippe; vom Flaggenstreit in Schaumburg-Lippe; von Abegg, Lübeck, Ahlbeck, Becker;
vom Prinz von Wales und von Richard Strauß – das fliegt mir alles so ins Haus! Ich kaufs auch noch. Sobald ichs seh, fixe Idee:
Wo nur eine Zeitung ist, da trabe ich hin – aus Gier nach Papier – immer nach Papier – bleib auf der Straße stehn und lese hier:
Pola Negri endgültig trocken gelegt;
der Papst mit Mary Wigman verlobt; (das ist ihm recht!) – Sturm auf den Azoren;
in Grönland Badehosenhausse; Pallenberg hundertmal in einer Posse; Verfilmung des Dramas Ain und Kabels; Prämiierung des kleinsten Damennabels;
Nachrichten, Nachrichten, Telegramme, Telegramme, Telegramme – Jazz Was geht denn mich das an? Das geht mich gar nichts an!
In den Beilagen raschelt und zischelt der Wind – Ich bin ein armes zerlesenes Kind … Hat keiner mit mir Armen Erbarmen?
Das sind die Zeitungen von einem Monat! Wenn ich sie seh: mich schaudert und mich graust – was kommt da noch auf mich herabgebraust? Choral
Warum muß ich denn Silbenrätsel lösen? Was kostets mich für lange Stunden bis ich: „Maitresse unter Ludwig XVI.“ gefunden –
Es ist manchmal ein Kreuz mit Deinem Wort! nimm doch die Kreuzworträtsel fort … So plätschert das tagaus, tagein, auf mich, den armen Leser herein –
Papier! Papier! Von welchem Riesenbaume verflattert das in unserm Erdenraume? Papier! Papier! Genug! Genug des Segens! Ertränk mich nicht, du Flut des Zeitungsregens!
Hier sind die Fahnen aller Staaten! Allons, journaux de la patrie! Ich kann in Zeitungen schwimmen – in Zeitungen waten – aber ohne Zeitungen sein: das kann ich nie!
töten beinah – Und wie sie mir fehlen, wenn sie nicht da …! Was soll mir das? Was hats für einen Sinn?
Am jüngsten Tage des Gerichts, da werd ich sehn: 4 Paukenschläge Ich kam zu nichts.
Mein Lebtag hab ich nur um eins gebettelt: um Ruhe.
als Sklave aller Rotationsmaschinen.
Hier sind die Zeitungen von einem Jahr …! Du hast mich ihnen gänzlich preisgegeben – war das ein Leben – das mein Leben –? Ich merkte, welche Tageszeit grad war,
Bis in die letzten Winkel meines Heims kam deine Zeit, Le Temps, die Times – Verflucht die Bilder, die Plakate! die Leitartikel, Inserate!
das Blatt am Baum – der ganze Blätterwald! Verflucht! Verflucht die Menschenfibel! verflucht die Inseratenbibel! Ruhm: Durch die Zeitung. Heirat: durch die Zeitung.
Nimm sie von mir! Die Zeitung triumphiert! „Totenstille. ln der Musik aufgelöste Akkorde. Ruhe nach einem Sturm‚ ganz sanft“ Es hilft ja nichts.
selber abonniert … mit ausgestreckten Armen nach oben – Vorhang