Gebet der Sättigung

by Richard Dehmel

Nun verging der Stern der Frühe, meine Augenlider brennen; und die Sonne kann mit Mühe die gefrornen Nebel trennen.

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Mich verdrießt mein nächtlich Brüten;

drüben an den Häuserwänden sprießen diamantne Blüten. Meine Prüfung kann nun enden! – Dieser Keller: dumpfer Zwinger!

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Auf die dunstbelaufnen Scheiben

will ich breit mit steifem Finger VENUS REDIVIVA schreiben! Denn ich weiß, du bist Astarte, deren wir in Ketten spotten,

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du von Anbeginn, du harte

Göttin, die nicht auszurotten. Aber Ich war weich wie glühend Eisen; darum sollst du mich in Wasser tauchen, bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen

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und der Stahl wird, den wir brauchen.

[232] Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien, die dann mit berauschter Durstgeberde wünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seien und ein Wurm zur Göttin werde.

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Nach der Nacht der blinden Süchte

seh ich nun mit klaren bloßen Augen meine Willensfrüchte; denn ich bin wie jene großen Tagraubvögel, die zum Fliegen

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sich nur schwer vom Boden heben,

aber, wenn sie aufgestiegen, frei und leicht und sicher schweben. Glitzernd winkt mein Horst, – Du Eine, die ich liebe: Ja und Amen:

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heute komm ich! heut soll meine

Klarheit Deinen Schooß besamen! Schon errötet dort der Giebel; Sonne, mach ein bischen schneller! „Schuster – bring mir meine Stiebel,

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heut verlass’ich deinen Keller!“

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