Einsame Wanderungen

by Rudolf Lavant

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Einsame Wanderungen.

Es hat mich oft hinausgezogen, In Nächten sternenlos und rauh, In der Novembernebel Wogen Und in ihr dichtes, feuchtes Grau;

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Es kam zu mir wie fernes Klagen

Der Glocken Hall, erstickt und dumpf, Und geisterhaft ins Dämmern ragen Sah ich am Bach den Weidenstumpf. Ich schritt durch flockiges Gewimmel,

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Das weiß und dicht und still und sacht

Herniedersank vom grauen Himmel In lautlos stummer Winternacht. ich sah die duftig-zarten Schleier Des Frostes von den Zweigen wehn,

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Und weiß bereift, in stiller Feier,

Die Bäume wie verzaubert stehn. Ich bin allein hinausgeschritten, Und weggehaucht war alles Weh, Wenn leise unter meinen Schritten

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Geknirscht der frosterstarrte Schnee,

Wenn sich in kalter Luft der linde, Der warme Mundeshauch verlor, Wenn mir der Bart im scharfen Winde Zu stechendem Gezack gefror.

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Ich sah die Sterne dicht und dichter

Herauf in buntem Feuer ziehn, Und wenn das Spiel der Himmelslichter, Im Eise glitzernd wiederschien, Wenn wild daher das Sturmgetose,

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Die weite Fläche fegend, schnob,

Daß wirbelnd mir das feine, lose Geweh’ ins Auge eisig stob – Dann hab’ ich zornig wohl und bitter Im Schreiten vor mich hingelacht,

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Wenn ich an all’ den Tand und Flitter,

Der Andrer einzig Glück, gedacht, Bis mich mit ihrer Geistesleere Ein tiefes Mitleid überkam, Und allen Groll mir still die hehre,

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Tiefernste Pracht vom Herzen nahm.

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