Eine Sibylle

by Rainer Maria Rilke

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EINE SIBYLLE

Einst, vor Zeiten, nannte man sie alt. Doch sie blieb und kam dieselbe Straße täglich. Und man änderte die Maße, und man zählte sie wie einen Wald

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nach Jahrhunderten. Sie aber stand

jeden Abend auf derselben Stelle, schwarz wie eine alte Zitadelle hoch und hohl und ausgebrannt; von den Worten, die sich unbewacht

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wider ihren Willen in ihr mehrten,

immerfort umschrieen und umflogen, während die schon wieder heimgekehrten dunkel unter ihren Augenbogen saßen, fertig für die Nacht.

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