Eine Frage
[95] Eine Frage. Sag, weisch denn selber au, du liebe Seel, was ’s Wienechtchindli isch, und heschs bidenkt? Denk wohl i sag der’s, und i freu mi druf. O, ’s isch ein Engel usem Paradies,
Vom reine Himmel abe het en Gott de Chindlene zum Trost und Sege gschickt. Er hüetet sie am Bettli Tag und Nacht. Er deckt sie mittem weiche Fegge zue,
wird’s Aeugli hell und ’s Bäckli rund und roth. Er treit sie uf de Hände in der G’fohr, günnt Blüemli für sie uf der grüene Flur, [96] und stoht im Schnee und Rege d’Wienecht do,
e schöne Früehlig in der Stuben uf, und lächlet still, und het si süeßi Freud, und Muetterliebi heißt si schöne Name. Jo, liebi Seel, und gang vo Hus zue Hus,
Der Wienechtchindli-Baum verrothet bald, wie alli Müetter sin im ganze Dorf. Do hangt e Baum, nei lueg me doch und lueg! In alle Näste nüt als Zuckerbrod.
an ihrem Büebli, will em Alles süeß und liebli mache, thuet em, was es will. Gib Acht, gib Acht, es chunnt e mol e Zit, se schlacht sie d’Händ no z’semmen überm Chopf,
Jo weger, Müetterli, das isch di Dank! Jez do siehts anderst dri ins Nochbers Hus. Scharmanti bruni Bire, welschi Nuß [97] und menge rothen Oepfel ab der Hurt, *)[1]
ke Gufe drin. Vom zarte Bese-Ris e goldig Rüethli, schlank und nagelneu! Lueg, so ne Muetter het ihr Chindli lieb! Lueg, so ne Muetter ziehts verständig uf,
es seig der Her im Hus, se hebt si b’herzt der Finger uf, und förcht ihr Büebli nit, und seit: „Weisch nit, was hinterm Spiegel steckt?“ Und ’s Büebli folgt, und wird a brave Chnab.
Zwor Chinder gneug, doch wo me luegt und luegt, schwankt wit und breit ke Wienechtchindli-Baum. Chumm, weidli chumm, do blibe mer nit lang! O Frau, wer het di Muetterherz so g’chüelt?
wie dini Chindli, wie di Fleisch und Bluet verwildern ohni Pfleg und ohni Zucht, und hungrig bi den andre Chinde stöhn [98] mit ihre breite Rufe, schüch und fremd?
Doch lueg im vierte Hus, das Gott erbarm, was hangt am grüene Wienechtchindli-Baum? Viel stachlig Laub, und näume zwische drinn ne schrumpflig Oepfeli, ne dürri Nuß!
und wärmt’s am Buese, luegets a und briegt; der Engel stüürt im Chindli Thränen i. Sel isch nit g’fehlt, ’s isch mehr as Marzipan und Zuckererbsli. Gott im Himmel siehts,
e brave Ma und Vogt und Richter gmacht, und usem Töchterli ne bravi Frau, wenns numme nit an Zucht und Warnig fehlt.