Ein Wintermorgen

Ich ging spazieren
Im Nebelgrauen
Des Wintermorgens,
Und wieder lenkten
Sich meine Schritte
Nach ihrem Hause.

Ich war schon häufig
Zur gleichen Stunde
Dahin gewandert.
Schon das ist Wohlthat,
Zu sehn die Mauern
Die sie umschließen.
Ein Walten fühl' ich
Geheimen Zaubers
In ihrer Nähe;
Beglückend weckt es
Die Seelenkräfte
Zum Dichtertagwerk.

Doch immer hatt' ich
Verhangen gefunden
Der Liebsten Fenster.
Nur stille Wünsche
Hinaus zu senden
War mir gestattet,
Mir vorzuschmeicheln
Den süßen Glauben
Daß meine Sehnsucht
Verkörpert oben
Auch mich ihr zeige
Im Traum des Morgens.

Sie hatte gestern
Von mir vernommen
Mein frühes Wandern.
Wie hoben sich heute
Doch meine Schritte
So rasch und elastisch!

Die kahlen Bäume
Versteckten die Wipfel
Im grauen Nebel;
Die Amseln huschten
Mit feuchtem Gefieder
Herum am Boden;
Sie suchten ihr Frühstück
Und zwitscherten klagend
Als ob sie fröre.
Die Essen dampften
Auf allen Häusern
Von schwarzen Wirbeln;
Es rieben sich knirrschend
Im Strome die Schollen
Des jungen Eises.

Südöstlich aber
Begannen die Wolken
Sich licht zu färben,
Und eine Feder,
Aus Nebel gebildet,
Erhob sich, glühend
Von rosigem Scheine,
Ob ihrem Dache.

Ich zog den Mantel
Ein wenig dichter
Um meine Schultern,
Um fest zu halten
In meinem Herzen
Die wohlige Wärme.

Nun wich der schwarze
Blattlose Wipfel
Der Linde zur Seite
Von ihrem Fenster
Und springen fühlt' ich
Mein Herz vor Freude.

Dort oben blitzte
Ein liebes Lichtchen
Und sprach: sie wacht schon;
Sie dachte deiner;
Für dich entsagt sie
Dem Traume des Morgens.

Doch nun erlischt es. –
Dort also hob sich
Die liebe Hand jetzt
Die ich so gerne
Bedecken möchte
Mit tausend Küssen.

Ob sie mich wahrnahm?
Will sie's verbergen
Daß ich sie weckte?
Horch – Klingen und Klirren!
Da geht ein Fenster –
Das ist sie selber.

Sie schaut hinunter.
Sie winkt, sie grüßt mich –
O könnt' ich fliegen.

Ich Narr! ich laufe
Von dannen eiligst
Als müßt' ich fliehen,
Doch kaum entzieht mir
Ihr Bild die Ecke,
So kehr' ich wieder,
Umrahmt zu sehen
Von diesem Fenster
Mein Glück, mein Leben,
Doch – nach Sekunden
Noch einmal wie närrisch
Von dannen zu laufen!

Ihr Essen, dampft nur
Auf allen Häusern
Von schwarzen Wirbeln,
Und reibt euch knirrschend
Im Strom, ihr Schollen
Des jungen Eises;
Verstecket, ihr Bäume
Die kahlen Wipfel
Im grauen Nebel;
Beklagt, ihr Amseln
In Frost und Darben
Des Lenzes Ferne:
Mich, mich erleuchtet
Von diesem Hause
Ein rosiges Glänzen;
In meiner Seele
Beginnt ein Frühling
Mit tausend Blüthen.

Ich lasse den Mantel
Von meinen Schultern
Im Winde flattern;
Nicht kühlt der Winter
In meinem Herzen
Die heißen Stürme.

Und heimwärts eil' ich
Beflügelten Schrittes
Zur Dichterklause,
Um fest zu halten
In raschen Rhythmen
Den Rausch der Freude
Und seelig zu schwelgen
Im holden Wunder
Ihrer Liebe.

Collection: 
1871

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