Die Veilchen sprechen

by Ernst Rauscher (1834–1919) · 1864 German

Wir waren froh und wohlgemuth,
Das Gärtchen auszuschmücken -
Da kam der Mensch, der nimmer ruht,
Uns seinem Dienst zu pflücken.

In enger Vase mußten wir,
Im dumpfen Zimmer stehen;
Uns war so bang, wir wollten schier
Vor Herzeleid vergehen.

Nun packt ein Liebender uns gar
Als treuer Liebe Zeichen
In ein Papier, da muß fürwahr
Das Leben uns entweichen!

Und sollen auf der langen Bahn
Zu dir wir denn verenden,
So nimm dich, Mädchen, unser an
Mit schwesterlichen Händen!

Laß' deinen Odem, süß und warm,
Uns wonniglich umschweben -
Und wir ersteh'n aus Todesharm
Zu duftigerem Leben! (S. 91-92)
_____


More poems by Ernst Rauscher

  • Am lieblichsten!

    Lieblich bist du, wenn du am Morgen,
    Auf der Stirne Hausfrausorgen,
    Durch die Zimmer waltend geh'st - …
  • An die Erröthende

    Es möchte seiner Lieb' genießen
    Dein Herz, geheim vor aller Welt;
    Doch ob du noch so sehr beflissen, …
  • An eine zertrümmerte Bank

    Traute Waldbank, liegst in Trümmer
    Ganz zerfallen, kalt und naß,
    Wo ich in des Mondes Schimmer …
  • An ihre Augen

    Wie strahlt dein Auge wunderbar
    Im blauen Himmelsglanz!
    So sternenhell, so unschuldklar, …

All poems by Ernst Rauscher →