An die Unbekante

An's Mägdlein sei dies Lied gericht't,
Die mich nicht kent, und ich sie nicht,
Nicht weis, in welchem Land sie lebt,
Da noch mein Geist sie stets umschwebt.

Wenn ich aus dem Getümmel bin,
Erfüllt sie immer meinen Sinn;
Und wenn ich irre über Land,
Geht sie mit mir an meiner Hand.

Wenns wohl mir wird in Wies' und Wald;
Der Mond durch lichte Wolken wallt,
Erhöht den seligen Genuß
Mein Mädchen mir durch manchen Kuß.

Oftmal, mir selber unbekant,
Drückt meine Hand dann ihre Hand;
Ich fühl's, und seufze, daß ihr Bild
Den heissen Wunsch so schwach erfüllt.

So sehnlich sucht' ich, und so lang'!
Nun wird's im Herzen trüb und bang,
Daß ich das liebe gute Kind,
Das für mich da ist, nimmer find.

Wenn, Beste, du dies Liedchen siehst,
Und dir vom Aug' ein Thränlein fließt,
Und seufzest leis: der gute Mann,
Wie ich ihm nachempfinden kann!

So glaub, daß du mein Mädchen bist,
Das nur für mich geboren ist,
Und liebe mich, und sag es mir,
So eil ich, Beste, froh zu Dir!

Collection: 
1794

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