An die Schönheit

by Ernst Stadler (1883–1914) · 1905 German

So sind wir deinen Wundern nachgegangen
wie Kinder die vom Sonnenleuchten trunken
ein Lächeln um den Mund voll süßem Bangen

und ganz im Strudel goldnen Lichts versunken
aus dämmergrauen Abendtoren liefen.
Fern ist im Rauch die große Stadt ertrunken

kühl schauernd steigt die Nacht aus braunen Tiefen.
Nun legen zitternd sie die heißen Wangen
an feuchte Blätter die von Dunkel triefen

und ihre Hände tasten voll Verlangen
auf zu dem letzten Sommertagsgefunkel
das hinter roten Wäldern hingegangen - -

ihr leises Weinen schwimmt und stirbt im Dunkel.

Aus: Ernst Stadler Praeludien
Strassburg i. E.
Verlag von Josef Singer 1905 (S. 15-16)
_____

More poems by Ernst Stadler

  • Lover's Seat

    Im Abend sind wir steile
    grünbebuschte Dünenwege hingeschritten.
    Du ruhst an mich gedrängt. …
  • Stille Stunde

    Schwer glitt der Kahn. Die Silberweiden hingen
    schauernd zur Flut. Und bebend glitt der Kahn.
    Und deine Worte fremd und klanglos fielen …
  • Der Flüchtling

    Da sich mein Leib
    in jener Gärten Zaubergrund verirrte,
    Wo blauer Schierling …
  • In der Frühe

    Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe
    dunkel vor dem trüben Licht
    Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, …

All poems by Ernst Stadler →