In der Frühe

by Ernst Stadler (1883–1914) · 1905 German

Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe
dunkel vor dem trüben Licht
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend,
hostiengleich mir zugewendet dein Gesicht.
Da du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert
»Ich muß fort« nur an die fernsten Tore
meines Traums gereicht -
Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand,
wie sie mit leichtem Griff das weiße Hemd
die Brüste niederstreicht ...
Die Strümpfe ... nun den Rock ...
das Haar gerafft ... schon bist du fremd,
für Tag und Welt geschmückt ...
Ich öffne leis die Türe ... küsse dich ... du nickst,
schon fern, ein Lebewohl ... und bist entrückt.
Ich höre, schon im Bette wieder,
wie dein sachter Schritt im Treppenhaus verklingt,
Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt,
der aus den Kissen strömend
warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich.
Junger Wind und erste Sonne will herein.
Lärmen quillt auf ... Musik der Frühe ...
sanft in Morgenträume eingesungen schlaf ich ein.

Aus: Ernst Stadler Der Aufbruch Gedichte
Kurt Wolff Verlag München 1920 (S. 43)
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