Die Nachtigall von Werawag

by Louise Otto-Peters

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Die Nachtigall von Werawag.

I. Vom Schwarzwald wie ein Silberstreifen, Die blauen Donauwellen eilen – Fast lockt’s, die Blumen selbst zu greifen, Die doch am andern Ufer weilen,

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So ruhig wogt sie hin, so schmal,

Durch Wald und Fels im engen Thal. Dort wo auf hohen Bergesrücken Viel alte Burgruinen stehen, Zum Schrecken bald, bald im Beglücken

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Zum jungen Strom herniedersehen,

Da hört ich einst im Blüthenhag Die Nachtigall von Werawag[1]. Die steile Höhe war erklommen, Zum Abgrund schaut ich schwindelnd nieder,

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Da hab’ in Tönen ich vernommen

Das Echo alter Minnelieder Die einstens sang zum Harfenschlag Herr Hug und Ott von Werawag,

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Das waren edle Minnesänger,
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Die einst auf dieser Burg geboren,

Das Saitenspiel, je mehr, je länger, Statt rauhen Waffendienst erkoren, Erst leis’ dann lauter sang danach, Die Nachtigall von Werawag.

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Ein Mägdlein, eine stolze Schöne,

Dem adligem Geschlecht entsprossen, Sie hörte früh der Harfen Töne, Die Harfner waren ihr Genossen, Als Ahnen standen sie ihr nah.

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Wars’ da ein Wunder, was geschah?

Lütgarde diente selbst dem Sange Der Minne, den sie früh vernommen, Gehorchend einem süßen Drange, Der machtvoll in ihr Herz gekommen,

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So hieß sie denn seit diesem Tag:

Die Nachtigall von Werawag. Du Mädchenherz aus alten Zeiten, Dein Lob um Minnesang und Minne Will Dir ein ander Weib bereiten!

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Denn es kommt nicht aus meinem Sinne,

Was mir von Dir die Donau sprach, Du Nachtigall von Werawag!

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II.

Einst hörte in der Burg Kemnaten Lütgarde, da es draußen stürmte,

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Die Mutter mit dem Vogt beraten,

Wie man zwei fremde Reiter schirmte, Die wohl verirrt, als sank der Tag, Einlaß begehrt, auf Werawag. Kaum nennt der Aeltere der beiden,

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Den jüngeren: Rudolf, den Sänger,

Da tönten bald der Harfen Saiten. Mit süßen Klängen, eng und enger Umwob in Tönen Zauberbann Die Jungfrau und den fremden Mann –

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Da er geschieden, ging die Märe:

Es sei der Kaiser selbst gewesen, Der hier verirrt von ungefähre Solch stillen Aufenthalt erlesen. Doch bald verkündet ward mit Hohn:

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Der Fremde war ein Bürgerssohn.

Mit Lächeln hörte es Lütgarde: Wer also hold die Saiten rührte War ihr ein gottgesandter Barde.

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Ob er ein stolzes Wappen führte,
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Die Krone trug –: ihr galts nicht mehr –

Dem Sänger nur gab sie die Ehr’. Dem Sänger nur gab sie die Seele – Sie wies zurücke jedes Werben: Und daß sie niemals sich vermähle

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Viel lieber wollt als Jungfrau sterben

Gab stets zur Antwort jeder Frag’, Die Nachtigall von Werawag. – Da einstens ist der Tag gekommen: Zu Freiburgs Mauern sieht man’s wallen,

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Ein herrlich Paar zieht glückumschwommen

In die geweihten hohen Hallen. Das ist der frohe Hochzeitstag Der Nachtigall von Werawag. Der Bürgerssohn im Dienst der Minne,

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Im Dienst des Sanges und der Seinen,

Den Bürgern all’, die im Gewinne Ersehnter Freiheit ihm sich einen, Dem Sänger, der die Holde freit, Die Nachtigall, die ihm sich weiht.

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Sie ließ das Raubschloß ihrer Ahnen

Mit seinem blut’gen Heldenruhme Und wandte sich auf neuen Bahnen,

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Zu des Geliebten Bürgertume,

Die Nachtigall von Werawag,

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Vereint mit ihm des Sanges pflag.

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