Die Keuschheit

by Frank Wedekind

[84] Die Keuschheit Schimmernd fülle sich der Teller, Schimmernd bis zum Rand hinan; Jeder spende seinen Heller Gern dem alten Leiermann.

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Manch ein Lied hab’ ich gesungen,

Das euch tief ins Herz gedrungen; Doch ein Lied wie dieses hier Hörtet ihr noch nicht von mir. Eines Abends in der Messe

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Lauscht’ er hinter ihrem Pult,

Mit erzwungner Totenblässe Bat er sie um ihre Huld. Von Madrid bis Kopenhagen Hat er sich herumgeschlagen,

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Tausend Mädchen schon verführt,

Kujoniert und angeschmiert. [85] Und sie bat, daß Gott ihr helfe, Doch sein Odem war so warm, Und dieselbe Nacht um elfe

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Lag sie schon in seinem Arm.

Weidlich hat er sie belogen, Hat das Hemd ihr ausgezogen; Sie ward rot für ihr Geschlecht, Doch das war ihm grade recht.

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Als sie nun die Schmach erlitten,

Ward dem Ungeheuer klar, Daß sie engelrein von Sitten Und ihm zu gefühlvoll war. Freilich konnt’ es ihn beglücken,

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Eine frische Blume pflücken;

Für sein weiteres Pläsier Fehlte die Verderbnis ihr. Und er war wie umgewandelt, Als ihr nun die Liebe kam;

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Hat sie so infam behandelt,

Daß sie schier verging vor Scham; Stieß sie aus den warmen Kissen, Hat sie nackt hinausgeschmissen, Warf ihr ihre Kleider nach,

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Schloß die Tür mit einem Krach.

[86] Auf dem Vorplatz unter Tränen Zog sie sich die Strümpfe an, Fluchte ihres Herzens Sehnen Und verzieh dem rohen Mann;

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Drauf ging sie in ihre Kammer,

Dort sank sie aufs Bett vor Jammer, Schlug mit beiden Fäusten sich Wund und weinte bitterlich. Ist’s nicht wirklich ein Entsetzen,

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Daß es solche Männer gibt,

Die sich nicht mal mehr ergötzen, Wo ein Andrer kindlich liebt. Weil sie ihre Liebe suchten Bei den H-, den verfluchten,

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Ist der Seele Klang verdumpft,

Ihr Empfinden abgestumpft. In dem nächtlich stillen Garten Sitzt die keusche Maid voll Gram, Liebelechzend zu erwarten

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Den Geliebten, der nicht kam.

Ach, sie meint, er müsse kommen, Doch die Sterne sind verglommen Und der sanfte Mond verblich, Ohne daß ihr Kummer wich.

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[87] Und nun ward ihr immer schlimmer,

Immer toller jeden Tag, Und sie lief ihm auf das Zimmer, Als er noch zu Bette lag; Sagt ihm gleich, wozu sie käme,

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Daß er sie zur Dienstmagd nehme,

Wenn sie seiner Lust zu schlecht, Alles, alles sei ihr recht. Aber dieser Fürchterliche Hatte keinen Trost für sie

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Als verdrehte Sittensprüche

Voll gesalzner Ironie; Sich an ihrer Scham zu weiden Zwang er sie, ihn anzukleiden, Macht sie dabei, ohne Not,

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Immer wieder purpurrot.

Als den Schlips sie ihm gebunden, Gab der Mensch ihr einen Tritt Und ein Schimpfwort ihrer wunden Seele auf den Heimweg mit.

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Doch als sie den Hut genommen,

Spielt er plötzlich dann den Frommen, Sah sie an und sagte: Du, Heute abend Rendez-vous! [88] Und sie trat am selben Abend

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Wieder in die Wohnung ein,

Einen Strauß am Busen habend, Denn sie wollte lieblich sein. Gleich riß er ihn ihr vom Kleide, Überreicht’ ihn voller Freude

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Einer Dirne, rotgelockt,

Die geschminkt im Lehnstuhl hockt. Drauf tät er sie zärtlich bitten, Aufzulösen sich ihr Haar; Jene hat’s ihr abgeschnitten,

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Daß sie wie ein Knabe war.

Dann mußt’ sie das Kleid ablegen, Ging einher, zum Herzbewegen: Schuhe, Strümpfe, Höschen, Hemd, Und der Scheitel links gekämmt.

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Nun erhob sich die geschminkte,

Dekolletierte Schandperson, Schlecht verbergend, daß sie hinkte, Denn sie trieb es lange schon: Komm, mein Page, und enthülle

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Meiner Reize Zauberfülle

Diesem schönen jungen Herrn; Ach, er hat mich gar zu gern! [89] Und sie tat es ohne Zucken, Zog ihr selbst die Strümpfe ab,

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Mußte all die Dünste schlucken,

Die das Scheusal von sich gab; Mehrmals, bis das Werk vollendet, Hat sie stumm den Kopf gewendet, Hustete aus tiefster Brust,

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Wurde beinah unbewußt.

Alsdann kam an ihn die Reihe, Was ihr nicht so gräßlich war; Leise wimmernd macht das treue Kind ihn aller Kleidung bar;

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Wollt’ ihm noch die Füße küssen,

Doch er hat sich losgerissen. Und nun gab der edle Wicht Ihr in jede Hand ein Licht. So mußt’ sie sich aufrecht stellen,

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Wo der Vorhang offen hing,

Um das Schauspiel zu erhellen, Das vor ihr in Szene ging. Durch die Bosheit angefeuert, Hat er mehrmals es erneuert,

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Immer tiefern Höllenschmerz

Bohrend in des Kindes Herz. [90] Treulich tät sich ihm vereinen Das entmenschte Schauerweib, Fand am Jammerblick der Kleinen

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Teuflisch süßen Zeitvertreib,

Heuchelt, ihr ins Herz zu schneiden, Außerordentliche Freuden, Fraß mit Schluchzen und Geschrei Einen Apfel auch dabei.

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Als die Roheit sondergleichen

Keinen neuen Reiz mehr bot, Ließ man sich die Kleider reichen, Stellte sich dabei halb tot. Nichts als Püffe, nichts als Tritte

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Spürt das Kind bei jedem Schritte;

Drauf löscht er die Lichter aus, Führt die Schandperson nach Haus. Kommt zurück nach langer Pause, Und das Mädchen ist noch da,

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Denn sie wagt sich nicht nach Hause,

Weil sie so verändert sah; Bat ihn, daß sie bleiben könnte, Was er ihr denn auch vergönnte; Ach, sie dachte nicht daran,

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Was der Schreckensmensch ersann.

[91] Nachdem er zu Bett gegangen, Winkt er sie vom Diwan her, Überreicht ihr einen langen Scharfgeladenen Revolver,

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Bittet kühl um den Gefallen,

Ihn sich vor den Kopf zu knallen, Denn die Wirkung sei famos, Und er sei sie endlich los. Ohne etwas zu entgegnen,

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Hob sie sich ihn an die Stirn,

Tät noch ihren Mörder segnen Und durchschoß sich das Gehirn. Lächelnd schmaucht er die Zigarre Zum Entstehn der Totenstarre,

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Geht dann, seiner Schandtat froh,

Nach dem Polizeibureau! Und nun hat sie ausgelitten, Diese Maid, die treu geliebt, Dabei engelrein von Sitten,

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Wie es keine zweite gibt.

Alle möge Gott verfluchen, Wenn sie seine Gnade suchen, Denn sie liebten nur das Fleisch; Diese starb im Herzen keusch.

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