An die Geliebte

by Reinhard Johannes Sorge (1892–1916) · 1917 German

Nach Tages Kampf faßt du die pochende Hand,
Im letzten Abend stille wandern wir
Durch das Schweigen und über das schlafende Land
Besänftigt.

Bald neigt sich Nacht, neigt sich mein Aug' zu dir,
Und du erscheinst mir wie Engel vom Himmel gesandt,
Wie heilige Mutter im Geist erscheinst du mir.
Wir schweigen.

Wenn sich dein Leib mir wie atmende Blüte anschmiegt,
Fachst du Flamme um Flamme, fachst du das höhere Sein,
Traum von Umschlingung und Kuß, der uns sterne-an wiegt -
Glückselig.

Spende dem Stammelnden, spende vom ewigen Wein!
Schwinge geweihtester Lust, die zur Gottheit entfliegt,
Hülle uns, hülle aufrauschend die Liebenden ein!
O Wunder!
(Band 2 S. 257)
_____

More poems by Reinhard Johannes Sorge

  • Abschied

    Geliebter, willst du von mir gehen,
    Dem doch mein Herz so ganz ergeben;
    Soll ich dich niemals wiedersehen …
  • An Susanne

    Bist du mir nicht begegnet,
    Dem Knaben, wandernd und verhüllt?
    Wie vieles hat sich nun erfüllt! …
  • Das Mädchen

    Bei letzter Sonne noch gewohntes Schicksal,
    Brachte der erste Stern den Wechsel? Eben
    Umstrichen noch von der Luft der staubigen, öden …
  • Erkennen

    Was uns im Herzen flammend sprüht,
    Was in der Seele Tiefe glüht
    Und reine Früchte treibend blüht, …

All poems by Reinhard Johannes Sorge →