Die Götter Griechenlands
Vollblühender Mond! In deinem Licht, Wie fließendes Gold, erglänzt das Meer; Wie Tagesklarheit, doch dämm’rig verzaubert, Liegt’s über der weiten Strandesfläche;
Schweben die weißen Wolken, Wie kolossale Götterbilder Von leuchtendem Marmor. Nein, nimmermehr, das sind keine Wolken!
Die einst so freudig die Welt beherrschten, Doch jetzt, verdrängt und verstorben, Als ungeheure Gespenster dahinziehn Am mitternächtlichen Himmel
Das luftige Pantheon, Die feierlich stummen, grau’nhaft bewegten Riesengestalten. Der dort ist Kronion, der Himmelskönig,
Die berühmten, olymposerschütternden Locken. Er hält in der Hand den erloschenen Blitz, In seinem Gesichte liegt Unglück und Gram, Und doch noch immer der alte Stolz.
Als du dich himmlisch ergötztest An Knaben und Nymphen und Hekatomben! Doch auch die Götter regieren nicht ewig, Die jungen verdrängen die alten,
Und deine Titanen-Oehme verdrängt, Jupiter Parricida! Auch dich erkenn’ ich, stolze Here! Trotz all deiner eifersüchtigen Angst,
Und du bist nicht mehr die Himmelskön’gin, Und dein großes Aug’ ist erstarrt, Und deine Lilienarme sind kraftlos, Und nimmermehr trifft deine Rache
Und den wunderthätigen Gottessohn. [360] Auch dich erkenn’ ich, Pallas Athene! Mit Schild und Weisheit konntest du nicht Abwehren das Götterverderben?
Einst die goldene! jetzt die silberne! Zwar schmückt dich noch immer des Gürtels Liebreiz; Doch graut mir heimlich vor deiner Schönheit, Und wollt’ mich beglücken dein gütiger Leib,
Als Leichengöttin erscheinst du mir, Venus Libitina! Nicht mehr mit Liebe schaut nach dir, Dort, der schreckliche Ares.
Der Jüngling. Es schweigt seine Lei’r, Die so freudig erklungen beim Göttermahl. Noch trauriger schaut Hephaistos, Und wahrlich, der Hinkende! nimmermehr
Und schenkt geschäftig, in der Versammlung, Den lieblichen Nektar – Und längst ist erloschen Das unauslöschliche Göttergelächter. Ich hab' Euch niemals geliebt, Ihr Götter!
Und gar die Römer sind mir verhaßt. [361] Doch heil’ges Erbarmen und schauriges Mitleid Durchströmt mein Herz, Wenn ich Euch jetzt da droben schaue,
Todte, nachtwandelnde Schatten, Nebelschwache, die der Wind verscheucht – Und wenn ich bedenke, wie feig und windig Die Götter sind, die euch besiegten,
Die Schadenfrohen im Schafspelz der Demuth – O da faßt mich ein düsterer Groll, Und brechen möcht’ ich die neuen Tempel, Und kämpfen für Euch, Ihr alten Götter,
Und vor Euren hohen Altären, Den wiedergebauten, den opferdampfenden, Möcht’ ich selber knien und beten, Und flehend die Arme erheben –
Habt Ihr’s auch eh’mals, in Kämpfen der Menschen, Stets mit der Parthei der Sieger gehalten, So ist doch der Mensch großmüth’ger als Ihr, Und in Götterkämpfen halt’ ich es jetzt
[362] Also sprach ich, und sichtbar errötheten Droben die blassen Wolkengestalten, Und schauten mich an wie Sterbende, Schmerzenverklärt, und schwanden plötzlich. Der Mond verbarg sich eben
Hochauf rauschte das Meer, Und siegreich traten hervor am Himmel Die ewigen Sterne.