Des Freundes Besuch

by Karl Streckfuss (1779–1844) · 1804 German

Horch, horch, was reget sich an der Thür,
Was flüstert draussen so leise?
Mir ist's, als rufe der Freund nach mir,
Mit zärtlicher bittender Weise.
Ach! still ist's im Zimmer -
Wenn Lämpchenschimmer
Doch nur das Dunkel durchdränge!
Lass ab vom Gesuche,
Die späten Besuche
Verbot ja die Mutter so strenge.

Doch immer lauter und lauter schlägt
Er an die verschlossene Pforte,
Und immer weiter und weiter trägt
Der Schall die verrathenden Worte.
Ich zittre, ich glühe,
Ich bitte dich, fliehe, -
O fliehe von dannen behende!
Wie könnt' ich es wagen,
Was sollt' ich nur sagen,
Wenn hier noch die Mutter dich fände.

Doch noch ist's so spät nicht und Mondenschein
Blickt her, die Nacht zu zerstreuen -
So komme denn, Lieber, so komm herein,
Und mache mich's nicht bereuen.
Sey sittig und stille,
Es sey nur dein Wille,
Mit mir noch ein Weilchen zu plaudern.

Schon auf ist die Thüre -
So komm doch, verliere
Die Zeit nicht mit längerem Zaudern.
Wo bist du, Geliebter, wo bist du hin?
Hast du, was ich scherzend gesprochen,
Genommen etwa für ernsten Sinn,
Und hast dich entweichend gerochen?

Du sollst mir verweilen,
Ich will dich ereilen,
Zurücke den Fliehenden bringen,
Ich will dich versöhnen
Mit zärtlichen Tönen,
Mein Kuss soll dein Zürnen bezwingen.
Du Loser, du Lieber, da bist du ja!

Wie hast du mich Arme geschrecket.
Ach! sicher warst du mir immer nah,
Warst nur zum Belauschen verstecket.
Ich bitte dich, schweige,
Schon fühl' ich, es steige
Vor Schaam mir das Blut in die Wangen;
So komm denn in's Zimmer,
Bey Mondenschimmer
Wird minder die Seele mir bangen. (S. 24-26)
_____


More poems by Karl Streckfuss

  • Aus Fragmente

    Sehet, so schlürft' ich hinunter den Becher himmlischer Liebe,
    Bis geleeret der Kelch seeligen Händen entsank.
    Liebliche Schwachheit folgte dem schnellentflohenen Rausche, …
  • Das Geständniss

    Ein Wörtchen muss ich dir verkünden,
    Ein leises Wörtchen, dir allein;
    Längst fühlt' ich's schon mein Herz entzünden, …
  • Der Kuss

    Nie kann die Liebe ganz ihr Wesen sagen,
    Und tief im Herzen glimmt die reinste Gluth.
    Sich zu enthüllen wär' ihr höchstes Gut, …
  • Der Unbeständige

    Nach dem Französischen
    Mein Herz ist nicht mehr dein, - der reizenden Nannette
    Gehört es jetzt - Elmire, zürne nicht! …

All poems by Karl Streckfuss →