Der Pirat

by Richard Dehmel

          [87] Der Pirat.      Nach José de Espronceda. Mit zehn Kanonen blank an Bord, mit vollen Segeln vor dem Wind, die flink wie Mövenflügel sind, streicht eine Barke durch die Flut:

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die Barke des Piratenherrn,

auf allen Meeren er gekannt von einem bis zum andern Strand, der „Hai“ getauft für seinen Mut. Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,

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im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,

ein langer Silberstreifen rinnt breit durch die blaubewegte Flut. Und der Piratenkapitän sitzt singend hoch an Steuers Rand,

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links Asiens, rechts Europens Strand,

und sitzt und singt und schwenkt den Hut: „Fliege, mein Segler du, fliege,      unverzagt; fliegst und segelst zum Siege!

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Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,

[88] der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe, weil dein Herr sein Leben wagt!      Zwanzig Prisen      haben wir gemacht,

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     haben die Staatsmützen

     ausgelacht;      hundert Nationen      liegen und grüßen hier      mit ihren Flaggen

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     zu Füßen mir.

Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind und meine Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer.

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„Könige steiten dadrüben

     in blinder Gier um ein paar Aecker Rüben. Sehet, ich lache! Meine Gefilde reichen, soweit das weite wilde

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Meer entrollt sein frei Pannier.

     Da ist kein Wimpel,      wie er auch glänze,      da keine Küste,      wo sie auch grenze,

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     die nicht Salut gethan

     meinem Geschlecht,      die nicht erkannten      mein Hoheitsrecht. Denn meine Barke ist mein Reichtum,

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denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind und meine Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer. [89] „Kaum schrein vom Mars die Jungen:      Schiff in Sicht!

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rennt’s schon mit vollen Lungen,

hoi alle Segel breit, Fersengeldsegel, rennt es und rennt es; denn diese Flegel lieben den König der Meere nicht.      Aber wie Brüder

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     Ich und Ihr,

     meine Getreuen,      teilen die Beute wir.      Ein einzig Eigentum      nehm ich für mich

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     ohne Rivalen:

     dich, Schönheit, dich! Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind und meine Freiheit,

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mein einzig Vaterland das Meer.

„Verdammt zum Höllenfeuer,      zum Tod am Strick, sitz’ich und lache euer! Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,

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den häng’ich auf an der Segelstange,

vielleicht von seiner eignen Brigg!      Und wenn ich falle:      was ist das Leben!      Hab es schon damals

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     verloren gegeben,

     als ich die Kette brach,      als ich, ein Held,      mir schuf mein eigen Recht,      mir meine Welt.

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[90] Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind und meine Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer. „Melodieen wie brausend

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     Orgelgewühl

spielt mir im Nachtsturm, sausend, meiner geschüttelten Taue Gestöhne, meiner Kanonen Donnergedröhne und des schwarzen Meeres Gebrüll.

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     Von ihren tobenden

     Liedern umschnoben,      geh ich zur Ruhe,      wogenumwoben,      jubelnde Zungen

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     rund um mich her,

     in Schlaf gesungen      vom Meer, vom Meer. Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr,

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mein Gott der Wind und meine Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer!“ Im dunkeln Wasser hüpft der Mond, im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind, ein langer Silberstreifen rinnt

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breit durch die blaubewegte Flut.

Und der Piratenkapitän lehnt schweigend hoch an Steuers Rand, links Asiens, rechts Europens Strand, tief in die Stirn gedrückt den Hut.

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[91] Mit zehn Kanonen blank an Bord,

mit vollen Segeln vor dem Wind, die flink wie Mövenflügel sind, streicht seine Barke durch die Flut: die Barke des Piratenherrn,

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auf allen Meeren er gekannt

vom einen bis zum andern Strand, der „Hai“ getauft für seinen Mut.

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