Der Bodensee

by Ignaz Heinrich von Wessenberg

          Der Bodensee. Euch grüß’ ich, Uferfächer      Des Bodensees, entzückt. Wie einen Freudenbecher      Hat euch Natur geschmückt.

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Gleich Hesperiden blühend,

     Lacht euer Zauberkreis, Im Schmelz der Farben glühend,      Die Stirn’ im Gletschereis. Wohl manchen Sees Gestade,

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     Die Höhn um manche Bucht,

An manchem Strom die Pfade      Hab’ ich mit Lust besucht. Doch, gleich dem Morgensterne,      Der stets erfreut den Blick,

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Zog mich dein Bild von ferne,

     O See! zu dir zurück. Hier, wo ein hehrer Tempel,      O Konstanz! dir entsteigt, Und weit umher den Stempel

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     Uralter Andacht zeigt;

Hier werde froh begonnen      Die schöne Sängerfahrt, Wo mit des Anschauns Wonnen      Sich die Erinn’rung paart!

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[132] Von deinen grünen Wogen

     Fahr’ ich, o Vater Rhein! Gewaltig fortgezogen      Den Untersee hinein. Die Schweiz seh’ ich zur Linken

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     Und rechts der Schwaben Land

Einander freundlich winken,      Füllhörner in der Hand. Indeß noch Silberstreifen      Am Fuß der Berge ziehn,

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Schon Lichter oben schweifen,

     Die röthlich golden glühn. Aufglänzt die Sonn’ – o Scene!      Das Lied erstummt vor dir. Neigt tief euch, ihr Lorraine, *)[1]

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     Und alle Kunst vor ihr!

Auf jener Insel dorten,      Der edeln Reichenau, Erschloß Pirmin die Pforten      Des Lichtes manchem Gau.

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Bei jenen grauen Thürmen

     Der Mönche frommer Bund That mitten unter Stürmen      Das Wort des Friedens kund. [133] Hoch über den Gewässern

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     Ragt ein gethürmter Kranz

Von alten, stolzen Schlössern,      Erloschner Zeiten Glanz. Du Hohentwiel, vor allen      Sinnbild von Heldenkraft,

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Pflagst einst in Hedwigs Hallen

     Gesang und Wissenschaft. Jetzt, Steurer, sanft gelenket!      Im Flug nach Meersburg hin, Auf Felsen unumschränket

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     Des Sees Beherrscherin!

Fern glänzt das Schloß entgegen;      Doch öde steht’s und leer. Kein Dalberg spendet Segen      Aus diesen Fenstern mehr.

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Welch hüglicht Feeneiland

     Enttaucht den Fluten dort? O Mainau, Rittern weiland      Verdienter Ruhe Port! Wer fühlt die Brust da oben

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     Nicht göttlicher durchglüht,

Wo er, der Erd’ enthoben,      Frei Alles übersieht? [134] O Heil’genberg, noch höher,      Dem Sitz des Adlers gleich,

75
Dringt, wie das Haupt der Seher

     Dein Haupt ins Aetherreich. Wie hehr vor deinen Blicken      Entrollt sich Land an Land Bis an der Eishöhn Rücken,

80
     An grauer Fernsicht Rand!

Gleich einem Circus heben      Die Ufer sich – wie sanft! Mit Wiese, Hain und Reben      Vom grünbebuschten Ranft.

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Versteckt in Obstbaumwäldern

     Entdeck’ ich weit und breit Die Hütten zwischen Feldern      Nachlässig hingestreut. Manch Dörfchen ruht entzückend

90
     Der grünen Bucht im Schooß;

Das Kirchlein, niederblickend,      Bewacht sein stilles Loos. Auf heitern Bergesgipfeln      Lacht manches schmucke Haus,

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Und durch die Nacht von Wipfeln

     Schaut manches froh heraus. [135] Schnell furcht, vom Dampf beflügelt,      Mein Schiff den Schimmerpfad Hindurch die Flut, bespiegelt

100
     Vom hangenden Gestad.

Wie schwebt so hold, beim Reihen      Der Freude, von den Höhn Der Vögel und Schallmeien      Melodisches Getön!

105
Doch, o der Wandlung! Schweigen

     Dehnt schaurig jetzt sich aus. Gewitterwolken steigen;      Schon hebt sich Windgebraus. O See, wie zieht dein Lächeln

110
     In finstre Runzeln sich!

So sanft bei Zephyrs Fächeln,      Beim Sturm wie fürchterlich! Dich decket nächtlich Dunkel;      Doch schäumend wirst du itzt

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Zum sprühenden Karfunkel,

     So oft die Wolke blitzt. Des Donners Hall betäubet      Der Windsbraut Wuthgeheul. Doch, wild von ihr zerstäubet,

120
     Flieht Wolk’ auf Wolk’ in Eil.

[136] Und schon verliert das Brausen      In ein Geflüster sich; Nur sanft erregt ein Krausen,      O Wasserebne, dich.

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Der Regenbogen stralet,

     Der, Berge streifend, mild Sich in den Wellen malet,      Des Friedens Himmelbild. Vom Dämmrungsschein erhellet,

130
     Hebt sich der Zauberkreis,

Und am Gestad zerschellet      Die Brandung roth und weiß. Wie sanft verklärt die Gegend      Des Mondes Zitterglanz!

135
Wie schwebt, in ihm sich regend,

     Der Formen Wechseltanz! O See, dein Abendglänzen      Malt mir das Frühlingsthor An dieses Lebens Gränzen

140
     Zum Himmelsänger-Chor.

Und singt einst meine Muse      In Gottes Himmeln hoch, Sie denkt mit leisem Gruße      An dich, froh zitternd, noch.

145
[137] Dort neben der Capelle,

     Auf rebumkränzten Höhn, Wird Freundschaft eine Stelle      Zum Grabe mir ersehn. Dann weht’s dem Freund der Reize,

150
     Die liebend ich besang,

Aus dem Gewind’ am Kreuze Wie ferner Liederklang.

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